Der CV zeigt zu wenig – das wird zum Problem
Karrierewege sind heute fragmentierter denn je, Recruiting-Entscheidungen müssen aber trotzdem schnell und sicher fallen. Was HR fehlt, sind keine besseren Absichtserklärungen zum Thema Skills, sondern Nachweise, die sich tatsächlich prüfen lassen.

Micro-Credentials sind kein Ersatz, sondern eine ergänzende Evidenzschicht. (Bild: zVg)
Wer regelmässig rekrutiert, kennt das Gefühl: Das Dossier wirkt überzeugend, der CV ist strukturiert, die Zeugnisse liegen vor – und trotzdem bleibt eine Unsicherheit. Was hat diese Person tatsächlich gelernt? Ist das Bootcamp-Zertifikat, das da unter Weiterbildung steht, mit einem CAS vergleichbar? Wie lange ist es überhaupt her und ist es noch aktuell?
Das ist kein Misstrauensproblem gegenüber den Bewerberinnen und Bewerbern. Es ist ein strukturelles Problem: Die Nachweise, auf die HR täglich angewiesen ist, wurden für eine andere Arbeitswelt gebaut – eine, in der Karrierewege linear verliefen, Bildungsabschlüsse überschaubar standardisiert waren und internationale Profile die Ausnahme bildeten. Diese Welt gibt es so nicht mehr.
Was der CV nicht leisten kann
Ein Lebenslauf ist eine Selbstbeschreibung – und das Problem ist die Verdichtung: Studienabschluss, Bootcamp, freiberufliches Projekt, internes Lernprogramm, ein Onlinekurs auf einer Plattform. All das landet auf zwei Seiten PDF, oft mit demselben typografischen Gewicht und ähnlich formelhafter Formulierung: «Erfahrung in agilen Methoden.», «Fundierte Kenntnisse in Datenanalyse.».
«HR Today Future Talk» zum Thema Skills
«Skills statt CV: Die Zukunft der Personalauswahl» HR Today organisiert exklusiv für Member einen Event zum Thema Skills am 17. Juni 2026, 17.30 Uhr, in Basel. Geboten werden Kurzreferate sowie eine Paneldiskussion mit Cornel Müller von Work-ID, Matteo Demasi von SAPIO, Isabel Casado von MatchBased sowie Ralf Ploner von skills.ch. Zudem wird bei einem Apéro den Teilnehmenden die Möglichkeit zum Netzwerken geboten. Anmeldung und weitere Infos hier.
Was lässt sich davon effizient prüfen? Meistens wenig … Dazu kommt der internationale Kontext. Wer heute in der Schweiz rekrutiert, beurteilt zunehmend Profile aus unterschiedlichen Bildungssystemen. Ein Abschluss aus Grossbritannien, ein Weiterbildungszertifikat aus Italien, ein Micro-Credential einer amerikanischen Online-Plattform – die Einordnung kostet Zeit. Manchmal zu viel. In einer Marktanalyse mit HR-Professionals aus der Schweiz, Italien und dem Vereinigten Königreich bestätigt sich genau das: Besonders schwierig sind die internationale Verifikation, der Zugang zu verlässlichen Quellen und die Einschätzung der Authentizität von Qualifikationen.
Das Problem beginnt schon vor dem CV
Es lohnt sich, einen Schritt zurückzugehen. Warum sind Nachweise überhaupt so schwer zu prüfen? Ein Teil der Antwort liegt nicht bei HR, sondern bei den ausstellenden Institutionen.
Hochschulen, Weiterbildungsanbieter, Berufsschulen – sie alle produzieren heute noch vorwiegend dasselbe Endprodukt: ein PDF, das per E-Mail verschickt wird. Wenige bieten digitale Verifikationsmöglichkeiten, noch weniger in einer Form, die sich in bestehende HR-Systeme einbinden lässt.
Solange Nachweise nicht so ausgegeben werden, dass sie direkt und verlässlich prüfbar sind, bleibt Verifikation aufwendig – unabhängig davon, wie gut die HR-Prozesse auf der anderen Seite organisiert sind.
Skill-based Hiring: Lücke zwischen Anspruch und Praxis
Kompetenzbasierte Personalauswahl ist seit Jahren ein Thema – und die Grundidee stimmt. Doch eine entscheidende Folgefrage bleibt oft offen: Wie überprüfbar sind diese Skills eigentlich? Ein Lebenslauf beschreibt Kompetenzen. Ein Abschlusszeugnis bestätigt eine Leistung – allerdings meist auf einer aggregierten Ebene, die wenig über konkrete, aktuelle Fähigkeiten aussagt. Was fehlt, ist eine Zwischenschicht: Nachweise, die granularer sind als ein Abschluss, glaubwürdiger als eine Selbstauskunft, und die sich in der Praxis tatsächlich verwenden lassen. Genau hier kommen Micro-Credentials und digitale Kompetenznachweise ins Spiel – als ergänzende Evidenzschicht, nicht als Ersatz.
Was die Forschung tatsächlich zeigt und was nicht
In einer Synthese von zehn Arbeitgeberstudien zur Frage, unter welchen Bedingungen Micro-Credentials im Recruiting akzeptiert werden, zeigt sich: Arbeitgebende lehnen solche Nachweise grundsätzlich nicht ab – sie vertrauen ihnen dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. In einer der grössten quantitativen Erhebungen gaben 81 Prozent der befragten Arbeitgebenden an, Micro-Credentials häufig oder immer im Einstellungsprozess zu berücksichtigen. Gleichzeitig brachten HR-Verantwortliche in einer anderen Befragung mit 124 Teilnehmenden denselben Sachverhalt auf den Punkt: Sie erkennen den Wert dieser Nachweise – und zweifeln gleichzeitig an deren Verbindlichkeit.

Was über Glaubwürdigkeit entscheidet, ist dabei klar erkennbar: Hochschulzertifikate, die in formale Studiengänge eingebettet und mit Kreditpunkten verknüpft sind, geniessen deutlich mehr Vertrauen als kommerzielle Plattformzertifikate ohne institutionelle Einbindung. In 80 Prozent der ausgewerteten Studien wurden fehlende Konsistenz und unklare Qualitätskriterien als Haupthindernisse genannt; in 38 Prozent kamen Bedenken zur Integrität der Nachweise zur Sprache. Die Bezeichnung eines Nachweises ist dabei weniger entscheidend als die dahinterliegende Glaubwürdigkeitsinfrastruktur.
Als vollwertiger Ersatz für einen Abschluss werden Micro-Credentials von Arbeitgebenden nicht betrachtet. Ihr Platz ist ein anderer – sie liefern ergänzende Evidenz, besonders in frühen Phasen wie Screening und Shortlisting, wo es darum geht, Profile schnell und zuverlässig einzuordnen.
Was technologisch möglich wird – und welche Folgen das konkret hat
Neben Micro-Credentials wird seit einigen Jahren an einer anderen Frage gearbeitet: Wie können Nachweise nicht nur ausgestellt, sondern auch direkt und zuverlässig geprüft werden – ohne Telefonate, ohne E-Mail-Anfragen, ohne Wartezeiten? Die Antwort liegt in Credentials, die von vornherein so aufgebaut sind, dass ihre Echtheit und Herkunft sofort nachvollziehbar sind: ausgestellt von einer verifizierten Institution, maschinell lesbar, portabel und unabhängig prüfbar.
Eine Recherche in der wissenschaftlichen Literatur, die fünf relevante Studien zu solchen Systemen ausgewertet hat, kommt zu einem klaren Zwischenfazit: Die technischen Möglichkeiten sind überzeugend, aber in echten HR-Kontexten sind sie noch kaum erprobt. Besonders aufschlussreich ist ein Befund aus der einzigen Studie dieser Auswertung, die Arbeitgebende direkt befragt hat: 97 Prozent der teilnehmenden HR-Verantwortlichen waren mit dem Konzept schlicht nicht vertraut. Nicht Ablehnung war das grösste Hindernis – sondern fehlende Bekanntheit. Sobald das Konzept erklärt wurde, bekundeten 62 Prozent Interesse – kein schlechtes Ausgangssignal.
Woran Initiativen scheitern und was das für HR bedeutet
Viele Projekte rund um neue Kompetenznachweise sind nicht an mangelndem Interesse gescheitert, sondern an der Umsetzung: fehlende Standardisierung, unklare Qualitätskriterien und vor allem ein zu hoher Integrationsaufwand.
In der Marktanalyse bewerteten 67 Prozent der befragten HR-Fachpersonen die Integration in bestehende Systeme wie «Workday» oder «SAP SuccessFactors» als besonders wichtig. Wer neue Nachweisformate entwickelt, die ausserhalb des täglichen HR-Workflows funktionieren, entwickelt etwas, das im Alltag nicht genutzt wird.

Auf europäischer Ebene kommt ein weiterer Faktor hinzu, den HR heute schon im Blick haben sollte. Mit «eIDAS 2.0», der entstehenden europäischen Wallet-Infrastruktur, und dem zunehmenden Druck zur grenzüberschreitenden Anerkennung von Qualifikationen verändert sich der regulatorische Rahmen gerade grundlegend. Was heute noch wie ein technisches Nischenthema wirkt, wird in wenigen Jahren zur Erwartungshaltung – von Bildungsinstitutionen, von Bewerbenden, und vermutlich auch von Regulatoren. Wer sich jetzt damit befasst, wie Nachweise sicher, portabel und systemfähig gemacht werden können, ist dann nicht in der Aufholjagd.
HR: nicht abwarten, aber auch nicht überstürzen
Der Lebenslauf verschwindet nicht. Er bleibt, was er ist: Übersicht, Kontext, Narrative. Aber er verliert seine Alleinstellung als verlässlicher Nachweis von Kompetenz.
Die eigentliche Verschiebung ist diese: Kompetenzverifikation war lange eine nachgelagerte Aufgabe. Sie wird zur Grundbedingung einer verlässlichen Personalauswahl. Konkret heisst das: verstehen, welchen Nachweisformaten man warum vertrauen kann, und überlegen, wie Verifikationsprozesse schrittweise in bestehende Workflows integriert werden können – nicht als Parallelsystem, sondern als natürlicher Teil des Recruitings.
Wer das heute beginnt, hat morgen einen echten Vorsprung. Nicht nur in der Effizienz, sondern in der Qualität der Entscheidungen – in einem Recruiting, das gleichzeitig schneller und risikoärmer werden muss.

Hintergrund dieses Beitrags
Dieser Artikel stützt sich auf drei Erkenntnisquellen:
- Marktanalyse zu HR und Kompetenzverifikation: Eine Primärerhebung mit HR-Fachpersonen aus der Schweiz, Italien und dem Vereinigten Königreich zu Herausforderungen bei der Qualifikationsverifikation, Systemintegration und neuen Formen von Kompetenznachweisen.
- Wissenschaftliche Synthese zu Micro-Credentials: Eine systematische Auswertung von zehn Primärstudien und Reviews zur Frage, unter welchen Bedingungen Arbeitgebende Micro-Credentials im Recruiting akzeptieren. Untersucht wurden Studien aus unterschiedlichen Branchen und Regionen (u. a. USA, Australien, Grossbritannien, Afrika).
- Wissenschaftliche Synthese zu verifizierbaren digitalen Credentials: Eine Auswertung von fünf Studien zu digital verifizierbaren Credential-Systemen in Einstellungsprozessen, aus dem Zeitraum 2020 bis 2025.