Future Work und KI

Die Ära des augmentierten Mitarbeiters

Künstliche Intelligenz verspricht, Mitarbeitende autonomer und leistungsfähiger zu machen. Doch das hängt von den Möglichkeiten der Mitarbeitenden ab, ihr Wissen zu teilen, sich über ihre Ideen auszutauschen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Ein Paradoxon?

In nur wenigen Jahren hat sich generative KI von einer aufstrebenden Innovation zu einem alltäglichen Arbeitsmittel entwickelt. Laut Work Trend Index von Microsoft soll sie künftig zu einem echten «digitalen Teamkollegen» in den Unternehmen werden. Die Debatte konzentriert sich weiterhin vor allem auf die individuelle Ebene: Wie kann jeder einzelne Mitarbeiter mithilfe von KI selbstständiger, schneller und leistungsfähiger werden? Diese Frage ist zwar von zentraler Bedeutung, durch sie tritt aber eine andere, womöglich strategischere in den Hintergrund: Was wird aus dem Arbeitsteam, wenn jeder dank KI an Autonomie gewinnt?

Mehr Autonomie, weniger gegenseitige Abhängigkeit


Tatsächlich ist ein Unternehmen nicht einfach nur die Summe individueller Leistungen. Es ist in erster Linie ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, in dem Wissen zirkuliert, Ideen aufeinanderprallen und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Die Arbeiten von Woolley und ihren Kollegen¹ haben gezeigt, dass die Leistung eines Teams weniger von der Summe der individuellen Talente abhängt als vielmehr von der Qualität der Interaktionen zwischen den Teammitgliedern. Das Project Aristotle von Google² hat seinerseits aufgezeigt, dass die leistungsstärksten Teams diejenigen sind, in denen die Mitarbeitenden ihre Ideen in einem von Vertrauen und psychologischer Sicherheit bestimmten Klima frei austauschen. Genau diese Architektur beginnt die KI nun zu verändern.

Zitatgrafik: Das Risiko besteht nicht darin, dass einzelne Personen weniger leistungsfähig werden, sondern dass Mitarbeitende in Unternehmen nach und nach aufhören, gemeinsam zu lernen.


In der Vergangenheit wandte sich ein Mitarbeiter von sich aus an einen Kollegen, um eine Meinung einzuholen, seine Überlegungen zu vertiefen oder ein Problem zu lösen. Heute wird ein immer grösserer Teil dieser Interaktionen durch einen Dialog mit einer KI ersetzt, die wegen ihrer Schnelligkeit und ständigen Verfügbarkeit und des einfachen Austausches bevorzugt wird. KI verändert also nicht nur die Aufgaben, sondern auch nach und nach die Arbeitsbeziehungen.

Die eigentliche Herausforderung: Teamarbeit neu erfinden


Das Paradoxon liegt also auf der Hand: Je mehr Autonomie die Mitarbeitenden dank KI gewinnen, desto weniger müssen sie sich grundsätzlich mit Fragen an ihre Kolleginnen und Kollegen wenden. Doch gerade dieser Austausch fördert Lernen, Kreativität und Innovation. Das Risiko besteht also nicht darin, dass einzelne Personen weniger leistungsfähig werden, sondern dass Mitarbeitende in Unternehmen nach und nach aufhören, gemeinsam zu lernen.

Die Ergebnisse des Weissbuchs 2026 der Beobachtungsstelle für Daten und KI in der Schweiz³ veranschaulichen diese Herausforderung sehr gut. Zwar betrachten 82 Prozent der Unternehmen das Veränderungsmanagement als entscheidenden Erfolgsfaktor für KI-Projekte, doch geben nur 11 Prozent an, dass sie im Kontext des Zusammenwirkens von Mensch und KI tatsächlich die Aufgaben und Rollen neu überdacht haben. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass «die Herausforderung in erster Linie organisatorischer und erst in zweiter Linie technologischer Natur ist», und der Bericht hebt hervor, dass die dringliche Aufgabe nicht mehr ist, die Technologie bereitzustellen, sondern «einzelne Initiativen in echte kollektive Intelligenz umzuwandeln»⁴.

Eine augmentierte Arbeitsgruppe lässt sich nämlich nicht einfach auf ein Team reduzieren, in dem jedes Mitglied die KI für sich allein nutzt. Sondern es handelt sich dabei um ein Team, das gelernt hat, die KI gemeinsam zu nutzen, ihre Ergebnisse zu teilen, sie gemeinsam zu hinterfragen und auf diesen Ergebnissen aufzubauen. Dies setzt neue Arbeitsabläufe, neue Austauschräume und vor allem die klare Absicht der Führungskräfte voraus, Zusammenarbeit als Leistungsmotor zu erhalten. Den Personalverantwortlichen kommt hier also eine entscheidende Rolle zu. Ihre Aufgabe besteht nicht mehr nur darin, die Mitarbeitenden im Umgang mit KI zu schulen, sondern auch darin, die Mechanismen zu überdenken, die für Wissensaustausch, kollektives Lernen und Zusammenarbeit förderlich sind.

In diesem Zusammenhang gewinnt die von François Gonin in einem früheren Artikel in «HR Today» vorgeschlagene Methodik für kollektive Leistung⁵ vor dem Hintergrund der digitalen Transformation eine besondere Bedeutung, da sie konkrete Ansatzpunkte zur Begrenzung des Risikos einer Arbeitsindividualisierung bietet, wie sie durch KI noch verstärkt werden könnte.


Quellenverzeichnis

¹ Woolley, A. W., Chabris, C. F., Pentland, A., Hashmi, N. und Malone, T. W. (2010). Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science, 330(6004), 686–688.

² Google. (2015). Understand team effectiveness. Google re:Work.

³ Colombus Consulting, Oracle & HEG Genf. (2026). Weissbuch 2026 der Beobachtungsstelle für Daten und KI in der Schweiz.

⁴ Idem.

⁵ Gonin, F. (2023). Mobiliser l’intelligence collective: le défi de la mise en œuvre. HR Today.

 

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Justine Dima

Justine Dima ist Professorin an der Haute École d’Ingénierie et de Gestion du Canton de Vaud (HEIG-VD), HES-SO. Ihre aktuellen Forschungsgebiete umfassen Digitalisierung, die Zukunft der Arbeit, HRM, Change Management, Gesundheit bei der Arbeit und Leadership. Sie leitet das CAS «Digitalisierung der HR-Funktion» (HEIG-VD) und ist Co-Leiterin des Moduls «Digitale Transformation und HR-Management» im MAS Management, Human Resources und Karriere (MRHC).

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Bertrand Audrin ist Assistenzprofessor an der EHL Hospitality Business School. Seine Forschungsthemen drehen sich um die Digitalisierung und die daraus entstehenden Veränderungen für Organisationen, die HR-Funktion und Mitarbeitende. Er ist Co-Leiter des Moduls «Digitale Transformation und HR-Management» im MAS Management, Human Resources und Karriere (MRHC).

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