Unter uns gefragt

Die Berührungsängste der Wirtschaft mit Alter und Erfahrung

Marlotte Faoro, Leiterin Personal & Kommunikation, Arnold AG, fragt Heidi Weiss, Geschäftsführerin, Archaia Personaltypologie.

Welche Bedeutung hat die demographische Entwicklung/Situation der Schweiz für den Arbeitsmarkt?

Altbekannt ist, dass die Altersentwicklung der Bevölkerung der Schweiz einer umgekehrten Pyramide gleicht und sich diese Situation empfindlich auf die Ressourcen der AHV auswirkt. Die Politik versucht, ein Pflaster aufzukleben, indem sie das AHV-Alter heraufsetzen möchte. Doch die meisten Unternehmungen ziehen nicht am gleichen Strick, weil sie Arbeitnehmenden zwischen 50 und 65 kaum mehr Chancen für eine Anstellung geben. Eine ähnliche Ungleichstellung erleben Frauen und Männer, die sich der Aufgabe der Familiengründung widmen und deshalb auf Teilzeitstellen angewiesen sind – ein grosser Mangel auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Die aktuellen Bedürfnisse dieser beiden Gruppen von Arbeitnehmern sind von der Schweizer Beschäftigungslandschaft nur sehr dürftig abgedeckt. Unser Arbeitsmarkt verfügt über einen hohen Prozentsatz an qualifizierten Arbeitskräften. Dieses brachliegende Potential ist von den Unternehmen weder erkannt, noch wird es genutzt. Vielmehr wird in der Personenfreizügigkeit und in Vorurteilen Zuflucht gesucht. Es ist längst offensichtlich, dass es nicht mehr Arbeit für alle gibt, wenn wir die Beschäftigungslandschaft nicht pro-aktiv verändern und den wirklichen Bedürfnissen der AN anpassen.

Welches sind die künftigen Handlungsfelder des strategischen Personalmanagements im Hinblick auf Diversity Management (Gender und Age)?

Es ist die eherne Aufgabe des HR, dieses brisante politische Thema in den Unternehmen aktiv anzugehen, indem z.B. bewusst ältere Arbeitnehmer angestellt und gefördert werden. Denn sie tragen durch Erfahrung, Know-how und Sicherheit viel zur Stabilität und Optimierung von Teams und Projekten bei. Das Schaffen von Teilzeitstellen ist ein weiterer unumgänglicher Schritt, um das Potential von gut ausgebildeten AN gewinnbringend zu nutzen. Job- und Topsharing sind jedoch das Stiefkind der Wirtschaft. Doch genau darin liegt längerfristig die ungeahnte Lösung, um dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften entgegenzuwirken. Stattdessen wird der einzelne Arbeitnehmer überlastet und Jobs sind oft mehr Lebensunterhalt als Lebensinhalt. Grundlegendes Umdenken tut Not!

Die Zukunft der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Entwicklung liegt in den Teilzeitstellen. Damit eine Unternehmen weiterbestehen kann und wettbewerbsfähig bleibt, müssen Stelleninhaber von Menschen abgelöst werden, die die Arbeit tun wollen und nicht einfach nur eine Stelle innehaben. Arbeit lässt sich aufteilen. Stellen, die von zwei Personen gemeinsam bewirtschaft und getragen werden, sind besser abgedeckt, wenn eine Person ausfällt. Weder verwaist die Arbeit, noch wirkt sich dies negativ auf Projektfortschritte und das Einhalten von Terminen aus. Der Knackpunkt ist jedoch die Kommunikation, die sachgerechten Absprachen untereinander, ohne Animositäten oder Ressentiment zu pflegen.

Welche Erfahrungen haben Sie zu diesem Thema im Zusammenhang mit Ihrer Beratungstätigkeit gemacht?

Die Vorurteile gegenüber Älteren und Familienfrauen sowie dem Teilen von Arbeit sind innerhalb der Unternehmen sehr gross. Arbeitnehmer klammern sich an Stellen und Positionen, und der Dienst an der Sache geht dabei oft verloren, was die Firmen viel Geld kostet. Es fehlt an Offenheit und dem Willen, mit Älteren zusammen zu arbeiten und Arbeit bzw. Stellen so aufzusplitten, dass diese von verschiedenen Mitarbeitern ausgeführt werden können. So bleibt Diversity Management in den meisten Unternehmen eine Alibi-Übung.

  • Nächsten Monat stellt Heidi Weiss ihre Fragen Claudia Thurnherr, Stv. Geschäftsführerin und HR-Verantwortliche, Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich.
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