Gute Führung

Die unentbehrliche Kunst der Selbstwahrnehmung

Viele Führungskräfte ringen mit der Frage nach der eigenen Wirksamkeit, oft ausgelöst durch innere Reflexion oder Team-Feedback. Gute Führung beginnt genau hier: mit der Bereitschaft, die eigene Wirkung kritisch zu hinterfragen und den Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild aktiv zu suchen.

Viele Führungskräfte stellen sich im Laufe ihrer Karriere dieselbe Frage: Bin ich eine gute Führungskraft? Mal entsteht dieser Gedanke aus innerer Reflexion, mal aus Rückmeldungen des Umfelds, mal aus einem Gefühl von Stagnation oder wachsender Distanz zum Team. Die Frage ist nicht nur menschlich, sie ist auch entscheidend – für die eigene Entwicklung, für das Teamklima und für die Wirksamkeit einer Organisation. Denn: Führung, Kultur und Entwicklung sind keine Wissensprobleme, sondern Wirklichkeitsprobleme.

Gute Führung beginnt dort, wo sie die eigene Wirkung hinterfragt. Wer nicht weiss, wie er oder sie auf andere wirkt, kann nur schwer Entwicklung fördern oder Beziehungen stärken. Es geht nicht um Selbstzweifel, sondern um Selbstwahrnehmung und noch mehr: um den Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild. Zwischen dem, was ich glaube auszulösen, und dem, was tatsächlich bei anderen ankommt.

Selbstbild, Fremdbild und Teamwahrnehmung


In meiner Arbeit mit Führungskräften beobachte ich regelmässig, wie stark Selbst- und Fremdbild voneinander abweichen können. Eine Führungskraft hält sich für motivierend, das Team empfindet sie als distanziert. Ein junger Teamleiter denkt, er kommuniziere offen, seine Kolleginnen und Kollegen erleben ihn als unklar. Diese Abweichungen sind nicht ungewöhnlich, sie entstehen durch Prägungen, Erfahrungen, Erwartungen, und durch die Dynamik im Team selbst.

Wirklich interessant wird es, wenn man diese Differenzen nicht nur individuell betrachtet, sondern im Kontext des Teams. Denn jedes Team hat eine eigene Wahrnehmung, ein kollektives Erleben. Die Teamwahrnehmung ist mehr als die Summe einzelner Meinungen. Sie formt das Klima, beeinflusst das Vertrauen und prägt die Performance. Wenn eine Führungskraft ihre Wirkung kennt, kann sie gezielt ansetzen: bei der Kommunikation, der Rollenklarheit, den unausgesprochenen Erwartungen oder der Art, wie Entscheidungen getroffen werden.

In einem Projekt mit einer Führungskraft zeigte sich eine deutliche Diskrepanz zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch das Team. Die Produktivität war gering, die Fluktuation hoch, die Stimmung gedrückt. Erst durch eine gezielte Reflexion dieser Wahrnehmungen konnten individuelle Entwicklungsimpulse abgeleitet werden und das Klima begann sich spürbar zu verändern.

Führung heisst: Atmosphäre gestalten


Viele Veränderungsprozesse scheitern nicht an Strategien, sondern an der Atmosphäre. Wenn Vertrauen fehlt, hilft keine Methodik. Wenn Angst dominiert, versickert jedes Zielbild. Menschen folgen nicht Plänen, sondern Menschen. Gute Führung heisst deshalb, ein Klima zu schaffen, in dem sich andere einbringen, wachsen und entfalten können. Es bedeutet, sich nicht auf Hierarchien zu verlassen, sondern auf die Kraft von Beziehung und Resonanz.

Die Wirkung einer Führungskraft ist dabei nicht statisch. Sie verändert sich mit der Teamstruktur, der Generation, dem Kontext. Wer in einem stabilen Umfeld geschätzt wurde, kann im dynamischen Setting plötzlich als hinderlich wahrgenommen werden. Umgekehrt kann ein anfänglich zurückhaltender Führungsstil in einem unsicheren Team neue Sicherheit geben. Wirkung ist also nicht nur ein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein situatives Phänomen. Sie entsteht immer im Zusammenspiel.

Führung ohne die Bereitschaft zur Selbstreflexion produziert oft Unsichtbares: Demotivation, stille Kündigung, innere Distanz. Dort, wo Führung nicht hinterfragt wird, verfestigen sich überholte Prozesse, die längst durch bessere ersetzt werden könnten. Reflexionslosigkeit ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Risiko für jedes System.

Wirklichkeit ist nicht objektiv, aber entscheidend


Kultur, Entwicklung und Führung funktionieren nicht in der Theorie, sondern in der gelebten Praxis. Und diese Praxis basiert auf Wahrnehmung. Wie erlebe ich mich selbst, wie erleben mich andere, was spiegelt mir das System zurück? Fragen dieser Art sind unbequem, aber unverzichtbar, wenn Organisationen langfristig wirksam bleiben wollen.

In einer Welt voller Tools, Frameworks und agiler Methoden bleibt eine Wahrheit bestehen: Menschen folgen Menschen und Menschen brauchen Beziehung, Resonanz, Klarheit. Wer die eigene Wirkung kennt, kann Vertrauen schaffen. Wer Feedback einholt, kann Dynamiken verstehen und wer bereit ist, sich zu hinterfragen, zeigt nicht Schwäche, sondern die vielleicht stärkste Form von Führung.


Quellen: 

• Edmondson, A. (2019): The Fearless Organization. Wiley. 

• Gallup (2023): State of the Global Workplace Report. 

• Korn Ferry (2022): The Cost of Turnover. 

• Steiner, N. (2025): Die Arbeitswelt in 2030: Ressourcen oder Beziehungen. 

• Eigene Beobachtungen aus Beratungsprojekten.

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Niclas Steiner ist HR-Berater und Coach sowie Freelancer bei bruederlinpartner. Zudem ist er selbstständiger Karriereberater.

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