Betriebliches Gesundheitsmanagement

Gesundheit für alle?

Seit 10 Jahren engagiert sich das BGMnetzwerk für mehr Gesundheit in den Unternehmen. Vor der gestrigen Jubiläums-Feier beschäftigte sich der Verband mit einem herausfordernden Thema, nämlich wie Migranten und Migrantinnen erreicht werden können: eine Zielgruppe, die sich unterdurchschnittlich für Gesundheit und Prävention interessiert – so scheint es zumindest...

«Was machen die anderen Unternehmen in Sachen Gesundheit? Könnten wir von ihren Lösungen profitieren?» Diese Fragen stehen bei Erfahrungs-Tagen im Zentrum. Der Verband BGMnetzwerk.ch organisiert zweimal jährlich einen solchen Erfa-Tag, diesmal, am 29. Oktober, fand er beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) in Bern statt. Auf dem Programm stand «Wie erreichen wir unsere Zielgruppen? Möglichkeiten und Stolpersteine am Beispiel der Migrantinnen und Migranten».

Das SRK, ein Mitglied des Verbands, hatte viel zum Thema beizusteuern. Nach einer Einleitung des Personalleiters Kurt Buntschu referierten vier SRK-Mitarbeiter zum Tagesthema. Osman Besic, Leiter der Abteilung Gesundheit und Diversität im Departement Gesundheit und Integration, wartete mit interessanten Fakten auf: Gemäss dem Gesundheitsmonitoring der Schweizer Migrationsbevölkerung (2010) reisen zurzeit Personen mit einem überdurchschnittlich guten Gesundheitszustand in die Schweiz ein. Doch: Je länger sich diese im Land aufhalten, desto schlechter auch der Gesundheitszustand.

Wenn man die Ärztin nicht versteht

Für eine medizinische Unterversorgung gibt es zwar keine klaren Hinweise, doch können sich, je nach Migrationsgruppe, bis zu 45 Prozent der befragten Personen gegenüber ihrem Arzt nicht verständlich machen und verstehen diesen auch nur ungenügend. Menschen mit Migrationshintergrund schätzen ihre Gesundheit weniger oft als die Schweizer Bevölkerung als «gut» oder «sehr gut» ein. Wobei die Anzahl Personen in ärztlicher Behandlung mit jener bei Schweizern vergleichbar ist.

Dass die Gesundheit durch Diskriminierung und Rassismus leiden kann, ist klar. Renate Bühlmann, Verantwortliche Bildung in Besics Abteilung, konkretisierte: Am Arbeitsplatz kommen Diskriminierung und Rassismus am häufigsten in Form von Positions- und Machtmissbrauch vor. Zum Beispiel indem jemandem eine Weiterbildung nicht zugestanden wird, obwohl das Recht darauf bestünde. An zweiter Stelle steht die interpersonelle Diskriminierung im Alltag, etwa durch Arbeitskolleginnen oder Klienten, an dritter Stelle institutionelle, strukturelle Diskriminierung, etwa betriebliche Vorschriften wie das Verbot einer Kopfbedeckung.

Zielgruppengerecht handeln

Menschen mit Migrationshintergrund gelten als schwierig erreichbar für Gesundheitsthemen. Das hat laut Osman Besic verschiedene Gründe: Versorgungskonzepte zum Beispiel sind mittelschichtsorientiert, die Gesundheitskompetenzen bei den Betroffenen zum Teil limitiert, natürlich spielt auch die Sprache eine Rolle, und nicht zuletzt besteht ein Mangel an transkultureller Kompetenz bei den Fachkräften. Diese Kompetenz müsste also gefördert werden, Gesundheitsinformationen müssten übersetzt werden und dabei migrationsgerecht sein, und zur Zielgruppe komme man nur durch methodisch und didaktisch vielfältige Ansätze.

Zu diesen Methoden zählen unter anderem Beziehungsarbeit, der Einbezug von Personen mit Migrationshintergrund in Prävention und Gesundheitsförderung, aufsuchende Arbeit sowie die Arbeit mit Netzwerken der Migrationsbevölkerung, sei das Familie oder Freunde.

Kinder als «Kulturübersetzer»

Die Voten der Referenten wurden rege diskutiert. So merkte Hansjörg Huwiler, der Präsident des BGMnetzwerks, an, dass in seiner Firma, der «AEH Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG», das Netzwerk von Migranten und Migrantinnen erfolgreich einbezogen werde. Deren Kinder etwa, die hier die Schule besuchen, würden zum Teil als Übersetzer bei Gesprächen fungieren. Sie beherrschen nicht nur unsere Sprache oft besser, sondern seien auch Vertrauenspersonen und «Übersetzer» auf kultureller Ebene.

Der spannenden intellektuellen Auseinandersetzung folgte eine Besichtigung des SRK-Logistik-Centers und die Mitgliederversammlung, bevor die Erfa-Tagung in die 10-Jahres-Feier mündete.

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Franziska Meier ist Redaktorin und Produzentin mit langjähriger Erfahrung im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich. Als Chefredaktorin des Magazins «fit im job» sowie als Fachredaktorin der Zeitschrift «HR Today» hat sie sich auf das Thema «Mensch, Arbeit & Gesundheit» spezialisiert. Zu ihren journalistischen Schwerpunkten gehören insbesondere Persönlichkeitsentwicklung, Coaching, Stressprävention und betriebliches Gesundheitsmanagement. Achtsamkeit praktiziert sie manchmal im Schneidersitz, öfter jedoch auf ihren Spaziergängen rund um den Türlersee.

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