HR Today Nr. 12/2020: Debatte

Mitarbeitende im Homeoffice überwachen

Die Covid-19-Pandemie hat nicht nur dem Homeoffice Schub verliehen, ­sondern auch Tracking-Softwares. Warum Arbeitgebende solche anwenden sollen, oder eben nicht: eine Kontroverse.

Alexandra Gastpar, HR Strategies, HR Campus: «Mich wundert es wenig, dass viele Unternehmen momentan in einen ­Zustand der Kontrolle verfallen.»

Flexible Arbeitsmodelle nehmen zu und werden in verschiedensten Ausprägungen gelebt. Was bei Freiberuflern und Working Nomads selbstverständlich ist, ist bei Mitarbeitenden und in klassischen Unternehmen noch eher neu. Der plötzliche Wechsel auf Homeoffice bedeutet für Arbeitnehmende und Arbeitgebende eine grosse Veränderung. Diese Umstellung geschah ohne oder mit wenig Vorbereitung, sodass die sogenannte «Change-Kurve» einer Person kaum berücksichtigt werden konnte. Diese neue und ungewisse Situation führt zu unterschiedlichen Reaktionen bei Mitarbeitenden und Vorgesetzten – von der Neugier auf Neues bis hin zur Angst vor dem Ungewissen. Nun, der Umgang mit Angst und Risikofreudigkeit ist bei jedem Menschen unterschiedlich und von diversen Faktoren abhängig. In einem Unternehmen prägen diese Gefühle stark dessen Kultur und auch den Umgang im Arbeitsalltag sowie in Extremsituationen. Mich wundert es deshalb wenig, dass viele Unternehmen momentan in einen Zustand der Kontrolle verfallen, um genau diese Unsicherheiten und Unberechenbarkeit scheinbar greifbarer, kontrollierbarer und sicherer zu machen. Der Anstieg an Tracking-Software kann einerseits als Kontrollmechanismus und andererseits als Unterstützung für Wellbeing-Massnahmen dienen. Welcher dieser Wege von einem Unternehmen eingeschlagen wird und wie stark das Tracking ausfällt, hängt somit im ­Wesentlichen von der Firmenkultur ab. Meiner Meinung nach zeigen Unternehmen in der aktuellen Situation ihre gelebte und nicht die gewünschte Firmenkultur. Ich persönlich bevorzuge – mit oder ohne Covid-19 – eine vertrauensbasierte ­Kultur und habe deshalb bereits bei der Wahl meines Arbeitgebenden darauf geachtet. Denn Transparenz ist für mich ein wichtiger Grundstein für eine vertrauensvolle Zusammen­arbeit.

Marc Prinz, Rechtsanwalt, Vischer AG: «Setzt ein Arbeitgebender ­Tracking-Softwares oder ähnliches ein, ist das per se nicht verwerflich.»

In den letzten Monaten haben Arbeitgebende ihren Mitarbeitenden vermehrt erlaubt, im Homeoffice zu arbeiten. In vielen Fällen gingen die Arbeitgebenden sogar weiter als die Empfehlungen des Bundesrats. Das setzt ein gewisses Grundvertrauen in die ­Beschäftigten voraus. Die Umsetzung von (flächendeckendem) Homeoffice ist für Arbeitgebende eine komplexe und teils herausfordernde Aufgabe. Einerseits müssen sie Arbeitsprozesse und meist auch IT-Systeme anpassen. Andererseits müssen sie eine pragmatische, aber effektive Führung und eine gewisse Kontrolle der Arbeitnehmenden auf Distanz sicherstellen. Dabei geht es nicht nur um die Überwachung der Arbeitsleistung, sondern auch um die Sicherstellung der Einhaltung der gesetzlichen Pausen- und Ruhezeiten sowie weiterer Fürsorgepflichten der Arbeitgebenden. Setzt ein Arbeitgebender dafür Tracking-Softwares oder ähnliches ein, ist das per se nicht verwerflich. Vorausgesetzt natürlich, dass die Überwachung gesetzlich zulässig ist. Die personenbezogene ständige Überwachung und Kontrolle des Verhaltens der Arbeitnehmenden ist verboten beziehungsweise nur in Ausnahmefällen erlaubt – beispielsweise bei einem Missbrauchsverdacht (Art. 26 der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz). Mitarbeitende müssen zudem vorgängig über den möglichen Einsatz von solchen Überwachungssystemen informiert werden. Das empfiehlt sich selbst bei einer anonymen und immer zulässigen Überwachung. Werden die Mitarbeitenden in den Implementierungsprozess miteinbezogen, steigt in der Regel auch deren Akzeptanz für solche Massnahmen. Unter Umständen können Arbeitgebende und Arbeitnehmende davon profitieren – beispielsweise hinsichtlich Entwicklung effizienterer Arbeitsprozesse im Homeoffice. Soweit Arbeitgebende Überwachungs-Softwares im gesetzlich zulässigen Rahmen und transparent einsetzen, ist darin nicht automatisch ein Misstrauensvotum gegenüber ihren Mitarbeitenden zu sehen. Vielmehr können Arbeitgebende dadurch ihrer Fürsorgepflicht und ihren wirtschaftlichen Interessen nach­kommen.

Florian Schrodt, Personalmarketing, Verkehrsbetriebe Zürich: «Um den einen nicht ­unrecht zu tun, macht man es niemandem recht.»

Den Werbeklassiker meiner Kindheit kennt wahrscheinlich der eine oder die andere: «Aus Raider wird jetzt Twix. Sonst ändert sich nix.» Was heisst das auf HR bezogen? Seit über zehn Jahren bin ich im HR-Bereich tätig und höre immerzu: «Alles wird neu.» Aktuell: New Work. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich begrüsse eine neue Arbeitswelt und sie ist mehr als notwendig. Aber was machen wir daraus? «New Work, New Normal. Sonst ändert sich nix.» Alter Wein in neuen Schläuchen. Oder wie kann man die nach wie vor geltende Devise «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» sonst erklären? Eine Freundin sagte einmal zu vorgerückter Stunde: «So viel Sand und keine Förmchen.» Volltreffer. Wir haben ganz viele Möglichkeiten, die Arbeitswelt von morgen zu gestalten, aber was machen wir aus Angst vor der eigenen Courage? Wir diskutieren Kontrolle im Homeoffice. New Work dreht sich doch um Vertrauen und Selbstbestimmtheit. Hat die Kontrolle eigenständig denkender Menschen schon im Office nicht mehr funktioniert, soll sie sich nun im Homeoffice entfalten? Wie heisst es doch so schön: Wenn man einen «schei…» analogen Prozess digitalisiert, dann ist es immer noch ein «Sch…»-Prozess. Man könnte das auch auf Homeoffice anwenden: Einen «schei…» Präsenz Kontrollprozess ins Homeoffice verlagert, ist immer noch ein «Sch…». Sie verstehen mich? «One fits all» scheint immer noch in unseren Köpfen zu sein. Wir sind immer noch auf der Suche nach der einen, allumfassenden Strategie. Wir brauchen aber viele Strategien, die auf die jeweiligen Bedürfnisse und Ziele zugeschnitten sind. Stattdessen? Die einen sind im Homeoffice, die anderen noch im Unternehmen, weil sich ihre Tätigkeit nicht nach Hause verlegen lässt. Um den einen nicht unrecht zu tun, macht man es niemandem recht. Wer zu Hause arbeitet, soll bitte genauso kontrolliert werden wie vor Ort. Als wäre das Ergebnis guter Arbeit und guter Führung ein voll ausgefüllter Stundenzettel. Das ist Industriezeitalter. Aber heute geht es darum, in der Wissensgesellschaft anzukommen. Wissen ist Macht. Es wird Zeit, dieses in viele Hände zu geben. Dafür braucht es Vertrauen. In der New-Work-Welt und in der aktuellen Situation sogar noch mehr. Sonst wird aus New Work irgendwann auch ein Klassiker.

 

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