Neue Führungsmodelle: Welche Führungsform passt zu den Herausforderungen von morgen?
Topsharing, neuroinklusive Führung oder polydextre Führung: Neue Leadership Modelle gewinnen zunehmend an Bedeutung. Was steckt hinter diesen Ansätzen und welche Kompetenzen benötigen Führungskräfte künftig? Darüber spricht Prof. Dr. Anne Jansen, Expertin für neue Arbeits- und Führungsformen.

(Bild: zVg/ChatGPT)
Viele Unternehmen suchen nach neuen Formen der Führung. Warum geraten traditionelle Führungsmodelle zunehmend unter Druck?
Anne Jansen: Heute sehen sich Organisationen mit wachsender Komplexität konfrontiert. Digitalisierung, Fachkräftemangel und ständiger Wandel stellen neue Anforderungen an Führung. Gleichzeitig wünschen sich Mitarbeitende mehr Partizipation, Flexibilität und individuelle Unterstützung von ihren Führungskräften. Diese sollen strategisch denken, Veränderungsprozesse begleiten, Innovation fördern, Mitarbeitende entwickeln und gleichzeitig das operative Geschäft sicherstellen. Traditionelle Führungsmodelle stossen zunehmend an ihre Grenzen. Neue Führungsansätze tragen dem Rechnung, indem sie Führung stärker teilen, flexibler gestalten und an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen.
In der Diskussion um die Zukunft der Führung fallen Begriffe wie Topsharing, polydextre oder neuroinklusive Führung. Was verbirgt sich hinter diesen Ansätzen?
Diese Führungsmodelle verbindet eine gemeinsame Grundidee: Führung entfernt sich zunehmend vom Bild der einzelnen Führungskraft, die allein alle Antworten kennt. Stattdessen stehen Zusammenarbeit, Anpassungsfähigkeit und die bewusste Nutzung unterschiedlicher Perspektiven im Vordergrund.
Bei Topsharing steht im Vordergrund, wer führt: Zwei Personen teilen sich eine Führungsfunktion. Sie tragen die Verantwortung gemeinsam, treffen Entscheidungen zusammen und ergänzen sich idealerweise durch Kompetenzen und Erfahrungen.
Neuroinklusive Führung fokussiert darauf, wer geführt wird. Sie berücksichtigt die Vielfalt menschlicher Denk und Arbeitsweisen. Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Informationsverarbeitung, Kommunikation, Konzentration oder ihres Bedürfnisses nach Struktur. Neuroinklusive Führung schaff Rahmenbedingungen, damit unterschiedliche Mitarbeitende ihre Stärken einbringen können.
Polydextre Führung beschreibt, wie geführt wird. Gemeint ist die Fähigkeit, unterschiedliche Führungsansätze situativ und bedarfsgerecht miteinander zu verbinden. Statt einem festen Führungsstil zu folgen, passen Führungskräfte ihr Verhalten flexibel an die jeweilige Situation, die Aufgabe und die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden an. Neu rückt dabei die Krisenkompetenz stärker in den Fokus.
Welche Kompetenzen benötigen Führungskräfte heute?
Mehr denn je benötigen Führungskräfte die Fähigkeit, sich in unplanbaren Konstellationen Orientierung zu verschaffen, zu entscheiden, Prioritäten zu setzen sowie Teams überlegt zu führen. Um der Komplexität entsprechen zu können, benötigen sie Kommunikationsfähigkeit, Selbstreflexion, Empathie und die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen.
Werden klassische Linienvorgesetzte künftig verschwinden oder werden neue und traditionelle Führungsformen nebeneinander bestehen?
Ich gehe nicht davon aus, dass klassische Linienführung verschwinden wird. Allerdings wird Führung vielfältiger werden. Neue Führungsformen Organisationen dabei unterstützen, mit steigender Komplexität und wachsenden Anforderungen umzugehen. Künftig werden wir vermutlich weniger einen Ersatz bestehender Modelle als ein nebeneinander unterschiedlicher Führungsformen sehen. Entscheidend wird künftig weniger die Wahl eines bestimmten Modells sein, sondern die Fähigkeit, die passende Form der Führung zu wählen.
Welchen Rat würden Sie Organisationen geben, die mit neuen Leadership Modellen experimentieren möchten?
Organisationen sollten neue Führungsmodelle nicht deshalb aufgreifen, weil sie «trendy» sind, sondern sich zunächst fragen, welcher Herausforderung sie begegnen möchten. Geht es darum, Führungspositionen attraktiver zu gestalten, unterschiedliche Kompetenzen besser zu nutzen oder die Zusammenarbeit zu verbessern? Erst wenn die Ziele klar sind, sollte über das passende Führungsmodell entschieden werden. Zudem empfiehlt es sich, neue Ansätze zunächst in einem begrenzten Rahmen zu erproben und auszuwerten. Nicht jedes Modell passt zu jeder Organisation oder jedem Team. Erfolgreich sind neue Führungsformen meist dann, wenn sie sorgfältig eingeführt und von den Beteiligten mitgetragen werden. Da sich die Anforderungen an Führung derzeit stark verändern, lohnt es sich, verschiedene Leadership Ansätze kennenzulernen und deren Einsatzmöglichkeiten zu reflektieren. Weiterbildung kann dabei helfen, neue Modelle fundiert einzuordnen und auf die eigene Organisation zu übertragen. Mit diesen Fragestellungen beschäftigen wir uns auch in Forschung und Weiterbildung am Institut für Personalmanagement und Organisation der Hochschule für Wirtschaft FHNW.
Weiterbildungsangebote zu Führungsthemen
Das Institut für Personalmanagement und Organisation bietet verschiedene Weiterbildungen zu Führungsthemen an, z.B.:
CAS Führungskompetenz entwickeln | FHNW
Seminar Kernkompetenz Führung | FHNW
Neuroinklusive Führung & mentale Gesundheit gestalten | FHNW
Topsharing erfolgreich einführen und begleiten | FHNW