HR Today Nr. 10/2020: Im Gespräch

Pfarrerin auf dem zweiten Bildungsweg

Als Rechtsanwältin beschäftigte sich Marie-Ursula Kind am Gerichtshof in Den Haag mit Kriegsverbrechen. Heute befasst sie sich mit den Alltagssorgen der Kirchgänger.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ­ehemalige Jugoslawien in Den Haag beschäftigte sich mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord. Weshalb ­haben Sie dort gearbeitet?

Marie-Ursula Kind: An meiner Arbeit hat mich fasziniert, dass schwere Verletzungen der Genfer Konventionen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einem internationalen Gericht strafrechtlich verfolgt wurden und die Täter zur Verantwortung gezogen werden konnten. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag war das erste internationale Strafgericht seit dem Nürnberger Tribunal. Im Gegensatz dazu handelte es sich aber nicht um ein Militär-, sondern um ein internationales ziviles Strafgericht, das nach zivilen strafrechtlichen Prinzipien funktionierte.

… ein Beispiel?

Auf der Anklageseite habe ich verschiedene ­Gerichtsfälle bearbeitet. Etwa den Fall eines ­militärisch aktiven Lokalpolitikers und Kommandanten. Er hatte während mehrerer Jahre Menschen aus politischen und religiösen Gründen in Zentralbosnien verfolgt, Menschen ermordet, Gefangene unmenschlich behandelt und ­Zivilisten ungerechtfertigt verhaftet. Dafür wurde er mit 25 Jahren Gefängnis bestraft.

Bei Gericht gibt es Täter und Opfer. Beides sind Menschen. Wie gelang es Ihnen, in krassen Fällen unparteiisch zu bleiben?

Wir arbeiteten im Team und konnten uns gegenseitig helfen, wenn aufsteigende Emotionen die professionelle Objektivität zu behindern drohte. Am Gerichtshof ging es darum, die Umstände der Straftaten einzelner Menschen zu klären, obschon das geschehene Unrecht nicht wieder gutzumachen war. Leider konnte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien den Opfern keine Entschädigung oder Genugtuung zusprechen.

Inwiefern haben die am Internationalen Gerichtshof behandelten Fälle bei Ihnen Wut oder Ohnmacht ausgelöst?

Ich war immer wieder darüber schockiert, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, wenn sie die Gelegenheit dazu haben oder durch eine fehlgeleitete Politik dazu aufgehetzt werden. Ich fürchte, das könnte überall passieren. Wir müssen wachsam sein und uns gegen Polemik und andere Anzeichen von Ausgrenzung in unserer Gesellschaft starkmachen.

Wie haben Sie Distanz geschaffen?

Ich habe meinen Arbeitsweg bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zurückgelegt und intensiv Pilates gemacht. Ausserdem bin ich dem Chor der lokalen reformierten Kirchgemeinde beigetreten, habe an den wöchentlichen Chorproben teilgenommen und jeden Monat im Gottesdienst mitgesungen. Auf diese Weise habe ich Holländisch gelernt und Freundschaften geschlossen, die noch heute bestehen. Geholfen hat mir auch der Austausch mit Arbeitskolleginnen, mit denen ich gemeinsam Sport betrieben und gekocht habe. Mein Glaube hat mir zudem Halt und das Vertrauen gegeben, dass Gott am Ende das letzte Wort hat.

Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit ­persönlich weitergebracht?

Ich musste mich in einer Arbeit bewähren, die juristisch, sprachlich und emotional sehr anspruchsvoll war. Die Zusammenarbeit mit Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund habe ich als sehr bereichernd erlebt, weil wir alle voneinander lernen konnten. Nebst der Arbeit an den Strafprozessen habe ich die Strukturen und Abläufe in einem Rechtssystem mit aufgebaut, das höchsten rechtsstaatlichen Ansprüchen genügen sollte. Die Arbeit am ­Gerichtshof hat mich ausserdem gelehrt, gegenüber meinen Mitmenschen und mir selbst achtsamer zu sein.

Was hat Sie bewogen, Ihre Berufsrichtung zu ­ändern und Pfarrerin zu werden?

Der Entschluss, in die Schweiz zurückzukehren. Nach fast 15 Jahren Berufstätigkeit in internationalen Strafverfahren in Den Haag und in der Übergangsjustiz in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Schon als Maturandin interessierte ich mich für Theologie, entschloss mich aber für ein Jurastudium. Mit der Aus­bildung zur Pfarrerin erfülle ich mir nun einen Jugendtraum.

Wo sehen Sie heute Ihre Hauptaufgaben?

Ich bin seit meiner Kindheit Mitglied der reformierten Landeskirche Zürich und möchte eine lebendige Kirche mitgestalten, die wie unsere Gesellschaft vor grossen Herausforderungen steht. Kirche ist für mich ein Stück Heimat und den christlichen Glauben verstehe ich als ein Angebot und eine Lebenshilfe, um eine bessere Zukunft für alle Menschen zu gestalten.

Den Landeskirchen laufen die Gläubigen davon. Wie wollen Sie die Leute in die Kirche zurück­holen?

Mit einer Kirche auf Augenhöhe: Wir müssen die reformierte Kirche von unten durch kleine engagierte Zellen wiederaufbauen. So können Menschen sich niederschwellig einbringen und Kirche mitgestalten. Kirche muss auch in der Kirchgemeinde Zürich nahe bei den Menschen und lokal verankert sein. Das gemeinsame Vorbereiten und das Feiern des Gottesdienstes stehen für mich dabei im Zentrum sowie das Bibellesen und der freie Austausch darüber. Die reformierte Kirche ist ein offenes Angebot. Sie ist bunt und vielfältig, aber nicht beliebig.

Welche Kompetenzen aus Ihrer Tätigkeit am ­Gerichtshof in Den Haag können Sie als Pfarrerin brauchen?

Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen und ihren Lebensgeschichten. Mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenzuarbeiten und gemeinsam etwas aufzubauen. Arbeiten mit Worten und Texten, neue Sprachen zu lernen. Auch, Worte in Situationen zu finden, wo es einem die Sprache verschlägt. Ausserdem Strukturen und Abläufe effizient zu gestalten, Teams zu leiten, Aufgaben zu delegieren und Menschen zu motivieren, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Zudem verschiedene Koordinationsaufgaben mit Behörden wahrzunehmen, Diskussionen zu leiten, mit kleinem Budget zu arbeiten und sich nicht unterkriegen zu lassen, auch wenn das angestrebte Ziel manchmal unmöglich erscheint.

Facts & Figures

 

Zur Person:
Marie-Ursula Kind studierte an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und ist seit 1996 als Rechtsanwältin in Zürich zugelassen. Von 2007 bis 2016 leitete sie eine Reihe von Projekten zur Übergangsjustiz in Den Haag, Bosnien und Herzegowina, Genf und in Kosovo und wurde mehrfach vom Schweizer Expertenpool für zivile Friedensförderung des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in verschiedene Länder gesandt. Kind hat einen Hintergrund im internationalen Straf- und humanitären Völkerrecht und war in diesem Kontext von 2000 bis 2010 am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) tätig. Von 2017 bis 2018 arbeitete sie als Beraterin bei der Goffrey Nice Foundation und unterrichtete Mas­ter-Studierende in Dubrovnik. Von 2017 bis 2018 war sie Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle für Sans-Papiers in Luzern. Marie-Ursula Kind unterrichtet als Gastdozentin Völkerstrafrecht an der Universität Luzern.

Gerichtshof:
Internationales Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia, ICTY) in Den Haag. Wurde 1993 vom UN Sicherheitsrat eingesetzt, um die ab 1991 begangenen Verbrechen im bewaffneten Konflikt im ehemaligen Jugoslawien aufzuarbeiten. 2017 stellte das Gericht seine Tätigkeit ein. icty.org

Studiengang:
Der Studiengang «Quereinstieg in den Pfarrberuf» der theologischen Fakultäten Basel und Zürich richtet sich an Akademikerinnen und Akademiker zwischen 30 und 54 Jahren. Auch Personen mit einem Masterabschluss, einer Fachhochschule oder Pädagogischen Hochschule können sich für dieses Studium bewerben. Der nächste Studiengang startet im Herbst 2021 und dauert drei bis vier Jahre inklusive eines einjährigen Lernvikariats. Interessierte können sich bis zum 9. November 2020 bewerben. bit.ly/Quereinstieg_Pfarrberuf

 

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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