HR Today Nr. 6/2019: Porträt

Der Bescheidene

Christoph Spycher holt als Sportchef des Fussballclubs BSC YB bereits den zweiten Meisterpokal nach Bern. Das Erfolgsrezept des 41-Jährigen: Ruhe, Sachlichkeit und Vertrauen ins Team. Was aus seiner Sicht gutes Teamwork ausmacht, erzählt Spycher im Porträt und verrät im Video-Porträt, welche Erlebnisse ihn entscheidend weitergebracht haben.

Der Spitzname «Wuschu» passt zu Christoph Spycher. Er ist unkompliziert, freundlich und stellt sich nie in den Vordergrund. Und auch die Geschichte hinter dem Spitznamen ist nicht sonderlich spektakulär: In der 1. Klasse wies ein Fussball-Gspänli allen einen Übernamen zu. Seiner ist ihm bis heute geblieben.

Spektakulärer indes ist sein Erfolg mit YB: 32 Jahre mussten die Berner Fussballfans auf den 12. Meistertitel der Clubgeschichte warten. Am 28. April 2018 war es dann soweit – und auch der jetzige Schweizer Meister heisst BSC YB. «Der aktuelle Erfolg ist nicht selbstverständlich», betont Spycher. «Da steckt viel harte Arbeit dahinter und vor allem ein eingespieltes Team.» Aber der Reihe nach.

Vom Rasen ins Büro

Mit 21 Jahren lanciert der defensive Mittelfeldspieler seine Karriere in der höchsten Schweizer Fussballliga beim FC Luzern. Sein besonnenes und kluges Verhalten auf und neben dem Platz bleibt nicht unbemerkt. 2001 folgt der Wechsel zu GC Zürich – 2003 wird er mit diesem Club Schweizermeister. Der Berner macht viel aus seinem Talent: Fünf Jahre spielt er in der deutschen Bundesliga bei Eintracht Frankfurt und hat etliche Einsätze für die Schweizer Nationalmannschaft. 2010 kehrt Spycher in seine Heimatstadt zurück und beendet im Alter von 36 Jahren seine Spielerkarriere bei YB.

Er bleibt dem Berner Traditionsverein treu und arbeitet als Talentmanager, ehe er im September 2016 zum Sportchef wird. «Nach Beendigung meiner Karriere als Spieler wusste ich im ersten Moment nicht so recht, was ich machen soll. Ich überlegte gar, ein Studium zu absolvieren», erzählt Spycher. Als ihm 2014 dann der Job als Talentmanager angeboten wird, sagt er begeistert zu. In den Juniorenabteilungen von YB sucht Spycher fortan nach besonderen Talenten: Junge Menschen, die nicht nur spielerisch, sondern eben auch charakteristisch das Zeug dazu haben, vom Nachwuchs in die erste Mannschaft vorzustossen. «Ich freute mich auf die Arbeit mit den Jungen, denn es war eine gute Gelegenheit, meine langjährigen Erfahrungen als Fussballer zu teilen.»

Der Wechsel zum Sportchef kommt plötzlich und etwas zu früh. «Auch familiär gesehen hätte ich gerne noch zwei, drei Jahre damit gewartet», sagt Spycher. Andererseits hätte wohl ein Externer den Job übernommen, wenn «Wuschu» nicht zusagt hätte. «Ich spürte, dass bei YB viele gute Leute arbeiten und ein Aussenstehender hätte vielleicht das Team oder einzelne Mitglieder ausgetauscht. Das wollte ich nicht.»

Potenzial entdecken und fördern

Grundsätzlich fällt ihm der Wechsel vom Spitzensportler zum «Bürogummi» nicht schwer. Spycher ist zielorientiert und hat ein feines Gespür im Umgang mit Menschen. «Ich bin gerne mit ihnen zusammen und könnte nie einen Job ausüben, bei dem ich den ganzen Tag alleine bin.» Zu Spychers Eigenschaften gehören ausserdem Sozialkompetenz und Teamdenken. «Es geht nicht darum, wer was als Einzelner geleistet hat. Wir sind eine Einheit, die in die gleiche Richtung marschiert», betont er. Das Wichtigste ist der Erfolg von YB. Und so stellt er auch das Team zusammen. Jeder soll seine Kompetenzen und Fähigkeiten bestmöglich einbringen können. «Das heisst auch, dass man den einzelnen Personen entsprechende Kompetenzen gibt und ihnen Vertrauen entgegenbringt.»

Letztlich unterscheide sich das Talentmanagement im «normalen» Berufsleben nicht sonderlich von demjenigen im Sport, erläutert Spycher. Es gehe ums Erkennen von Potenzial und darum herauszufinden, weshalb jemand sein Potenzial allenfalls nicht ausschöpfen kann. Weiter gehe es um die Frage, was es für ein Umfeld braucht, damit es trotzdem gelingt. Als Profifussballer brauche es eine starke Persönlichkeit «die beharrlich ist, sich ständig pusht, fähig ist, sich selbst zu reflektieren und die mit Druck umgehen kann». Daneben müsse der Grundgedanke stimmen, betont der YB-Sportchef: «Alles im Dienste der Mannschaft.» Das heisse nicht, dass Spycher keine Spieler engagiert, die vor allem ihre eigene Karriere verfolgen möchten, im Gegenteil. «Aber der Grundgedanke muss der Mannschaft gelten. Denn hat das Team Erfolg, profitiert jeder Einzelne davon.»

Schlüsselfigur und Sündenbock

Spycher sieht sich als Sportchef auch mit unangenehmen Situationen konfrontiert, beispielsweise wenn er einem Spieler nahelegen muss, sich einen neuen Verein zu suchen, weil er keinen Platz mehr im Team hat. Da müsse er sich gut überlegen, wie er solche Gespräche führe, sagt Spycher. «Ich habe der Mannschaft bereits am ersten Tag klargemacht, was meine Werte sind: Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz. Das sind jene, die ich mir immer von einer sportlichen Führung gewünscht habe. Also habe ich von Anfang an versucht, sauber und klar zu kommunizieren.» Diese Einstellung kommt ihm in schwierigen zwischenmenschlichen Phasen zu Gute.

Denn als Führungsperson steht Spycher in der Öffentlichkeit. Die Medien sparen jeweils nicht mit Kritik, wenn der Erfolg ausbleibt. «Als Profifussballer lernt man, damit zu leben», erzählt er. «Man ist exponiert – als Sportchef ist das nicht viel anders. Damit muss man umgehen können, sonst hat man in einer solchen Funktion nichts verloren.» Trotz schwieriger Momente als Führungsperson: «Das Positive überwiegt», betont Spycher. Die weniger tollen Sachen spielten sich eher im Hintergrund ab. Und der YB-Sportchef gibt sich selbstkritisch: «Wir sind nicht perfekt. Wobei Perfektion etwas ist, wonach wir alle streben, aber nie erreichen. Wir müssen so viele Entscheidungen treffen, da können nicht alle richtig sein.» Eine gesunde Portion Selbstreflektion und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sei notwendig.

Work-Life-Balance

Als relativ junger Sportchef eines ambitionierten Fussballclubs bezahlte Spycher am Anfang viel Lehrgeld: unregelmässige Arbeitszeiten, Wochenendeinsätze und eine ständige Erreichbarkeit während der Transferperioden. «Nach ein paar Monaten kam die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann. Es musste sich etwas ändern – die Work-Life-Balance ist mir sehr wichtig.»

Einen Alltag im klassischen Sinn gibt es als YB-Sportchef nicht. Spycher arbeitet gleichzeitig in mehreren Teams . Er sitzt in der Geschäftsleitung und ist Bindeglied vom Sport zum Betrieb, zum Stadion, zum Nachwuchs und auch zu den Finanz-, Marketing- und Verkaufsabteilungen. «Ich habe einen sehr intensiven Job. Den kann ich nur ausführen, weil meine Frau mir privat den Rücken freihält», sagt Spycher. Natürlich versuche er, so viel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen. Das ist ihm wichtig. Sie sei seine Energiequelle. «Aber ausser Job und Familie gibt es aktuell nicht sehr viel.» Immerhin: Christoph Spycher kann auch mal das Handy weglegen und nicht erreichbar sein. Erst kürzlich gestand er in einem Radiointerview: «Mir geht es gut ohne Social Media.»

Zur Person

Christoph Spycher Christoph Spycher wächst im beschaulichen Oberscherli in der Berner Gemeinde Köniz auf. Schon auf dem Pausenplatz gibt es nur eine Sportart: Fussball. In seiner Jugend spielt Spycher in mehreren lokalen Vereinen im Kanton Bern, bevor seine Profikarriere 1999 beim FC Luzern beginnt. Es folgt der Wechsel zu GC Zürich, inklusive Schweizer Meistertitel 2003.

Auch für die Schweizer Nationalmannschaft steht Spycher auf dem Fussballrasen. Dann wagt er den Sprung in die deutsche Bundesliga zu Eintracht Frankfurt, wo Spycher fünf Jahre bleibt. Seine letzten Jahre als Profifussballer verbringt er beim BSC YB.

Spycher bleibt dem Club treu und wird Talentmanager, seit 2016 ist er der Sportchef des Berner Fussballvereins. Spycher besitzt das Trainerdiplom und hat einen CAS in Sportmanagement. Er lebt mit seiner Familie in der Agglomeration Bern. Sein Umfeld bezeichnet ihn als loyal, intelligent, geerdet und bescheiden.

Ein Tag im Leben von Christoph Spycher

Was motiviert Sie, morgens zur Arbeit zu gehen?

Die ständigen Herausforderungen in meinem Job, die es 
zu meistern gilt. Ausserdem die Menschen um mich herum: 
Ich freue mich jeden Tag, sie zu 
sehen, denn wir haben ein 
super Team.

Wie beginnen Sie Ihren Arbeitstag?

Ich mache eine Büro-Runde und sage guten Morgen. Dann starte ich den Laptop und hole einen Espresso.

Ihre Mittagspause verbringen Sie …

Zwei- bis dreimal pro Woche zu Hause. Das ist mir sehr wichtig, denn ich habe keinen klassischen Montag-bis-Freitag-Job und arbeite oft an den Wochenenden. Also versuche ich, am Mittag mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Ansonsten esse ich meist mit Teammitgliedern, Spielern, Sponsoren oder sonstigen Externen.

Ihre letzte Tat des Tages:

Laptop ausschalten oder einpacken, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Meistens lasse ich den Tag gedanklich Revue passieren und mache mir ein erstes Bild davon, was mich am nächsten Tag erwartet.

08:00 Uhr: Dann bin ich meistens an der Kaffeemaschine (lacht).

Mitte Vormittag: Trainingsstart der 1. Mannschaft.

12:00 Uhr: Mittagessen entweder zu Hause oder mit Team- und Mannschaftsmitgliedern.

Mitte Nachmittag: Meistens 
irgendwelche Sitzungen.

Vor dem Feierabend: Pendenzen durchgehen und allenfalls noch etwas Dringendes 
erledigen.

Feierabendzeit: Sehr unterschiedlich.

 

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Eliane Stöckli

Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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