P.S.: Das gescheiterte KI-Versprechen
Der Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft! Transformationsexperte David Bausch und Redaktor Robin Adrien Schwarz tauschen sich in analoger Form alle paar Wochen über die schöne digitale Arbeitswelt aus. Ab jetzt bei HR Today!

Lieber Robin,
nun geht es also wirklich los! Als ich deine redaktionelle Arbeit vernommen habe, hätte ich nicht erwartet, dass wir beide unseren Blick auf die Arbeitswelt in einem solchen Format teilen. Besonders, weil der letzte handschriftliche (lange) Brief meinerseits sicherlich rund 20 Jahre zurückliegt. Ich hoffe, Du kannst meine Handschrift entziffern. Ich denke, gerade weil sie alles andere als perfekt ist, hat sie Charme für ein solches Format.
Nahezu jeden Tag mache ich als Organisationsberater Beobachtungen, die mich länger nicht loslassen und die ich gerne tiefer zerdenke, zum Leidwesen meiner Frau, da dieser Denkprozess viel im eigentlichen «Feierabend» stattfindet. Ich freue mich, diese Gedanken mit Dir und unseren Leserinnen und Lesern zu teilen und damit Impulse, Denkanstösse und auch einfach Gedanken zur Reflexion bereitzustellen.

Starten möchte ich mit einem Gedanken, der mich seit einigen Monaten umtreibt. In den letzten Jahren habe ich in Vorträgen und Podcasts sehr oft darüber gesprochen, wie stark KI unsere Arbeitswelt umkrempeln wird und was damit alles möglich ist. Lange Zeit habe ich dabei das Narrativ weitergetragen, dass der Einsatz von KI uns mehr Freiheiten für die schönen und kreativen Seiten des Jobs schaffen wird, weil Routineaufgaben immer stärker wegfallen. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass unser kapitalistisches System dies gar nicht erst zulassen wird, denn die kapitalistische DNA ist auf permanentes Wachstum ausgelegt.
Zeit, die also durch KI gewonnen wird, scheint – so berichten mir es immer mehr Menschen und so nehme ich es selbst auch wahr – für immer mehr Leistungserbringung herhalten zu müssen. Das verdichtet die Arbeit immer und immer mehr, erhöht Belastungen, senkt Motivation und vieles mehr. Darauf werden wir sicher im Verlauf dieser Serie zu sprechen kommen.

Was ich jedoch neben dieser neuen Erkenntnis auf der anderen Seite wahrnehme, ist, dass wir die wirklichen Kosten für KI noch gar nicht bewusst einwerten können. Damit meine ich, dass das spielerische Prompten mit ChatGPT und Co. für die meisten kein Preisschild hat, da nur die wenigsten privat eine kostenpflichtige Version nutzen.
Doch in unserer Arbeitswelt wandelt sich etwas, hier denken die grossen KI-Anbieter längst um: Der Wandel von Abo-Modellen zur tokenbasierten Abrechnung ist schon längst Alltag. Da Unternehmen erstmal wollen, dass die Belegschaft ein Gefühl für die KI-Nutzung bekommt, führt das zum sogenannten Tokenmaxxing und das wird richtig teuer.

Das hat die Konsequenz, dass Unternehmen echte Erfahrungswerte sammeln, was sie KI-Technologie wirklich kostet und wie wichtig es ist, effiziente (und tokenarme) KI-Eingaben zu machen, da sonst die Kosten immer weiter explodieren. Das führt dazu, dass bereits heute grosse Tech-Unternehmen wie bspw. Microsoft die Nutzung von Claude bei ihren Entwicklern sehr stark eingeschränkt haben. Von anderen Unternehmen wie Uber oder Citi hört man Ähnliches. Diese Entwicklung dürfte sich ausweiten.
Übertragen wir dieses Beispiel nun auf die Arbeitswelt insgesamt, so stellt sich mir die Frage: Wird KI für unsere Arbeitswelt vielleicht doch nicht der fundamentale Wandel, der uns in den letzten Jahren von allen Seiten verheissen worden ist? Nicht, weil die KI-Systeme es nicht – wie prognostiziert – könnten, sondern weil die reine Wirtschaftlichkeit die Implementierung ausbremst? Schon heute gibt es Berufe, in denen wir merken, dass menschliche Arbeitsleistung eben doch günstiger ist als eine KI-gestützte Alternative.
Ich werde diese Beobachtung weiterverfolgen und bin gespannt, was Dir dazu durch den Kopf geht. Das bringt mich zur Frage: Was bedeutet «wirkliche bzw. echte» Arbeit im Zeitalter der KI-Transformation für dich ganz persönlich?
