HR Today Nr. 9/2019: Im Gespräch

Vertrauen in die Intuition

Jean-Claude Biver ist Präsident der Schweizer Uhrenfirma Hublot und Unternehmer aus Leidenschaft sowie einer, der eine offene Fehlerkultur in seinem beruflichen Umfeld pflegt. Ein Gespräch mit einer eloquenten und inspirierenden Führungskraft.

Auf den Punkt gebracht: Wer ist Jean-Claude Biver?

Jean-Claude Biver: Ich bin ein äusserst leidenschaftlicher, intuitiver und instinktiver Mensch. Gleichzeitig besitze ich auch eine sehr pragmatische Seite: Ich bin jemand, der sich beim täglichen Handeln stets moralisch und ethisch seinem Umfeld gegenüber verpflichtet fühlt.

Inwiefern zeichnen Werte wie Moral und Ethik eine gute Unternehmensführung aus?

Für jede Unternehmensleitung sollte das moralische und ethische Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden Priorität haben. Für mich sind das die wesentlichsten und notwendigsten Qualitäten, um die Kontinuität und den Erfolg eines Unternehmens zu gewährleisten.

Was macht den beruflichen Erfolg aus? Was raten Sie jungen Führungskräften?

Ich würde ihnen raten, Vertrauen in ihre Instinkte und in ihre Intuition zu haben. Dass sie nie Angst davor haben, Fehler zu machen. Und dass sie einen Fehler nonchalant korrigieren, wenn ihnen dennoch etwas misslingt. Nicht um die eigenen Zweifel zu zerstreuen, sondern um aus dem Kurswechsel zu lernen. Lernen hält nicht nur jung, es bringt einen auch weiter. Zudem müssen junge Führungskräfte nicht von allem was sie tun, überzeugt sein, dass es gelingt. Vielmehr sollten sie einfach mal Neues ausprobieren. Und was ebenfalls wichtig ist: Sie sollten qualitativ überdurchschnittliche Mitarbeitende in ihrer Nähe haben, die ihnen manchmal auch überlegen sind.

Stichwort «Leadership 4.0»: Wohin wird uns die Reise führen?

Ehrlich gesagt, kenne ich mich mit dem Thema «Leadership 4.0» nicht aus. Für mich basiert eine erfolgreiche Führung vor allem auf Respekt. Darauf, dass wir als Führungskräfte unseren Mitarbeitenden die nötige Wertschätzung entgegenbringen – letztlich zum Wohle unseres Unternehmens. Und dass wir sie fördern und fordern mit Aus- und Weiterbildungen. Wichtig ist mir auch, dass wir im Unternehmen eine gute Fehlerkultur pflegen. Angst vor dem Scheitern darf es nicht geben.

Apropos Scheitern: An der «FuckUp Night» im Theater 11 in Zürich hatten Sie kürzlich einen Auftritt. Was bringt einen erfolgreichen Unternehmer wie Sie dazu, an einer solchen Veranstaltung aufzutreten?

Meine Teilnahme ist nichts anders als die Bereitschaft, meine Erfahrungen mit Jungunternehmern zu teilen. Es ist essenziell, Erfahrungen sowie das daraus entstandene Wissen an die nachfolgende Generation weiter-, beziehungsweise zurückzugeben.

«FuckUp», «etwas so richtig vergeigen» … Wieso ist das «Fehlermachen» so wichtig für ein Unternehmen?

Zunächst einmal definieren Fehler die Initiative und die Kraft eines Unternehmens, denn es gibt keine dynamische oder kreative Kraft ohne sie. Als Unternehmer wie auch Führungskraft darf ich deshalb keine Angst vor Fehlern haben, vielmehr muss ich mich ihnen stellen, und wenn sie passieren, sie beheben und im besten Fall nie mehr wiederholen. Wenn ich übrigens als Vorgesetzter Fehler mache, dann tut das auch dem Teamspirit gut, denn sie machen mich als Führungskraft menschlich.

Wie geht man richtig mit Fehlern um?

Man identifiziert sie, gibt sie offen zu, korrigiert sie und wiederholt sie danach nicht mehr.

Sie halten mit Ihren Führungskräften jedes Quartal sogenannte Error Meetings ab. Wie läuft das genau ab?

An diesem Treffen nennt jeder – wir sind fünf Personen – ein oder zwei Fehler, die er im letzten Quartal gemacht hat. Wenn also jeder Meeting-Teilnehmende nur zwei Fehler pro Quartal benennt, dann haben wir im Jahr insgesamt 40 Fehler identifiziert, die wir nie mehr machen müssen.

Vorbildlich. Denn die Fehlerkultur und das Fehlermanagement in Unternehmen stecken nach wie vor in den Kinderschuhen. Wie ändern wir das?

Die fehlende Fehlerkultur ist ein kulturelles Problem, das sich von der frühen Kindheit über das Studium bis hin zur Elternbildung erstreckt. Grundsätzlich braucht es hier einen kulturellen Übergang vom «Tadeln» zur «Wertschätzung» des Irrtums – und es kann mehrere Generationen dauern, bis sich das letztlich etablieren wird.

«Der Erfolg gehört immer dem Team. Der Misserfolg dem Chef. Dann wird das Unternehmen zur Familie», haben Sie an der «FuckUp Night» gesagt. Wie bringen wir mehr Führungskräfte dazu, so zu denken?

Die Verantwortlichen müssten auf diese Weise erzogen werden, aber leider gibt es nach wie vor keine Schulen, in denen Qualitäten wie Moral, Ethik und Verantwortung im Unterricht gelehrt werden. Da haben wir eindeutig noch grosses Potenzial.

«Leidenschaft macht alles möglich», haben Sie auch mal gesagt. Gilt das für alle?

Ja. Ich selbst wäre ohne die Leidenschaft für Uhren wohl nicht da, wo ich heute bin. Aber diese Leidenschaft muss man entweder selber entfachen oder es braucht jemanden, der sie für einen entzündet. Bei mir war das Jacques Piguet, der Leiter der Uhrwerk-Manufaktur Frédéric Piguet SA, der mir eines Tages den Mechanismus einer Uhr gezeigt hat. Von da an war ich fasziniert von dieser Welt und ging meinen Weg. Aber ich weiss, dass nicht jeder von Leidenschaft angetrieben wird – schade, eigentlich.

Sie sind mit beinahe 70 Jahren nach wie vor sehr umtriebig. Was haben Sie in den nächsten Jahren noch vor?

Ich möchte alle Privilegien, die mir das Leben geboten hat, an mein berufliches wie auch privates Umfeld übertragen. Dieser Umsetzung möchte ich meine letzten 20 Lebensjahre vollumfänglich widmen.

Und wo kann man Sie als Keynote-Speaker in den nächsten Monaten einmal live erleben?

Ich werde im September an der ESSEC Business School in Singapur sowie am «Leaders Sport Business Summit» in New York sein. Sie sehen, mir wird nicht langweilig.

Zur Person

Jean-Claude Biver (geboren am 20. September 1949 in Luxemburg) erweckte die Uhrenmarke Blancpain wieder zum Leben, verhalf Omega zu neuem Glanz und erhöhte bei Hublot in kurzer Zeit den Umsatz um das Zehnfache. Seit 2014 leitet er die Uhrensparte von LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton.

Biver erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter «Best Watchmaking Manager», «Manager des Jahres» und den «Ordre de Mérite du Grand-Duché de Luxembourg». Doch Biver ist nicht nur Uhrenunternehmer, sondern auch Bauer, der auf seinem Berghof Käse produziert. Biver lebt in der Schweiz und hat fünf Kinder.

The Wizard of Swiss Watchmaking: Jean-Claude Biver erzählt seine Lebensgeschichte und verrät das Geheimnis seines Erfolgs. 136 Seiten, 2018. Orell Füssli Verlag.

 

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Christine Bachmann ist Stv. Chefredaktorin bei HR Today.

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