HR Today Nr. 5/2019: Im Gespräch

«Kniebeugen für die Rübe»

Der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset setzt sich für eine neue Führungskultur ein und fordert 
fixe Denkstunden für das Management.

Herr Indset, Sie werden von den Medien «Rock’n’Roll Plato» oder auch «digitaler Jesus» genannt. Ist das für Sie Bauchpinselei, ein Kompliment, eine Beleidigung oder ein Understatement?

Anders Indset: Mir ist es nicht wichtig, wie mich Menschen oder Medien sehen. Wenn meine Inhalte etwas bewegen, dann ist die hohe Kunst meines Tuns erreicht.

Ganz allgemein: In welchem Zustand befindet sich Ihrer Meinung nach die Arbeitswelt?

Sie befindet sich in der Aufklärung. Es gibt nicht «die» Arbeitswelt. Das ist für mich ein Konstrukt, das wir geschaffen haben. Titel, Rollen und lineare Modelle verlieren allesamt ihre Bedeutung in der Welt, in der wir leben, nämlich in der Quantenrealität, in der Parallel- und Gleichzeitigkeitsgesellschaft. Wenn wir über den Zustand des Wortes sprechen, dann gehe ich davon aus, dass wir irgendwann das Wort «Job» sowie «Arbeitnehmer» und «Arbeitgeber» aus dem Vokabular streichen. Diese Begriffe stehen nämlich heute für Zwänge. Arbeit ist ein integraler Bestandteil des Lebens, beides lässt sich nicht voneinander trennen. Von Work-Life-Balance zu sprechen, ist daher nicht zielführend. Ich spreche lieber von einer allgemeinen Balance, einer Life-Life-Balance.

Wo hat die Arbeitswelt konkret Verbesserungspotenzial?

Führungskräfte benötigen ein Verständnis dafür, dass die sogenannten «Soft Skills» eigentlich «Hard Skills» sind. Eine neue Art von Leadership erfordert Mut. In Zukunft wird es viel mehr Selbstständige und Freiberufler geben. Rollen und Hierarchien verändern sich oder verschwinden sogar. Die Menschen werden häufiger zwischen den Rollen von Angestellten, Freelancern und Unternehmern wechseln oder mehrere dieser Rollen gleichzeitig einnehmen.

Das setzt bereits heute ein vollkommen neues Selbstverständnis von Führungskräften voraus, denn für Steuerung, Transparenz und Vertrauen sorgt in Zukunft die Technologie. Manager werden kaum noch gebraucht. Umso dringender werden Führungskräfte benötigt, die Empathie, Teamorientierung, Intuition, Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Übrigens alles Fähigkeiten, die bei Frauen weit häufiger anzutreffen sind als bei Männern.

Ich bin mir sicher: Auf lange Sicht sind Unternehmen erfolgreich, die sich öffnen, sich trauen, über Emotionen zu reden, und echte Beziehungen aufbauen. Da sehe ich ein riesiges Potenzial. Und an dieser Stelle nehmen die Personaler eine zentrale Rolle ein, denn sie befassen sich mit Menschen und Technologien und stellen wie kaum an einer anderen Stelle im Unternehmen die Weichen für die Zukunft.

Was kann die Wirtschaftsphilosophie zum Wandel beitragen?

Die Wirtschaftsphilosophie öffnet Wege, um sich der philosophischen Kontemplation zu nähern. Wir benötigen heute keine Wissens-, sondern eine Verstandes-Gesellschaft. Das heisst, wir müssen verstehen, was passiert, das Geschehen neu denken und durch Handeln Dinge beeinflussen. Ich glaube, dass das Philosophieren uns dabei hilft. Auch die akademische Wirtschaftsphilosophie ist wichtig und leistet dazu einen immanenten Beitrag. Jeder Mensch sollte sich damit auseinandersetzen.

Wie machen Sie Führungskräften klar, dass sie Philosophie brauchen?

Eine vergleichbare Frage ist: «Wie klärt man die Menschheit auf, dass sie Aufklärung braucht?» Mit philosophischer Kontemplation nehmen Menschen etwas an. Übertragen auf meine Texte und Auftritte geht es mir vor allem darum, philosophische Inhalte in den Kontext der Zuhörer zu übertragen. Philosophie, die man direkt anwenden kann.

Sie gehen noch weiter: «Unsere Führungskräfte von heute brauchen die Philosophie von gestern, gepaart mit der Wissenschaft und der Technologie von morgen.» Was meinen Sie damit konkret?

Führungskräfte leben in einem Spannungsfeld von einem wachsenden subjektiven Unsicherheitsgefühl bei einer gleichzeitigen Informationsüberflutung, steigenden externen Ansprüchen und teilweise diametral entgegengesetzten inneren Bedürfnissen. Das verunsichert Führungskräfte und stellt sie vor die Frage: Wohin soll ich eigentlich führen? Und warum? Und wie soll ich das in dieser komplexen Welt schaffen, in der mir der Durchblick entglitten ist?

Ich weiss aus zahlreichen Gesprächen, die ich mit Managern aller Hierarchiestufen bis hin zu CEOs von Weltkonzernen geführt habe: Praktische Philosophie hilft, mögliche Entwicklungen zu antizipieren und dadurch der scheinbaren Unvorhersehbarkeit der Zukunft ihren Schrecken zu nehmen. In einer Zeit des rasanten Wandels und der zunehmenden Verunsicherung kann die Philosophie Antworten auf Fragen geben, die die Menschen bewegen oder sogar verstören. Menschen, die ihr Leben bewusst gestalten, sind erfolgreicher. Davon werden Unternehmen profitieren, wenn sie durch echte Führungsqualität die Grundlage für diesen Erfolg schaffen können.

Ich empfehle jeder Führungskraft, mindestens eine Denkstunde pro Woche im Kalender einzutragen, um somit zumindest einen Anfang zu schaffen. Wir machen alles für den Körper, sollten aber auch ein paar tiefe Kniebeugen für die Rübe betreiben.

Was kann das HR von Ihnen lernen?

Ich würde gerne die Frage aufwerfen: «Was kann HR von sich selbst lernen – durch Dialog, Reflektion und Aufklärung?» Ist beispielsweise der möglichst effiziente Einsatz von Ressourcen oder die Maximierung von Humankapital ein noch erstrebenswertes Ziel? Oder verlieren wir da nicht eher, weil wir nie so effizient sein werden wie Maschinen und Algorithmen?

So, wie ich HR und Unternehmen verstehe, sollten wir dringend den Buchstaben «R» neu definieren. «Human» müssen wir beibehalten doch «R» bedeutet heute mehr: Es geht um R wie Reason. Wir brauchen ein neues «Why/Warum?», R wie Rhetorik – unser Ethos, Pathos und Logos – Wie wir Geschichten erzählen und wie wir kommunizieren, R wie Recognition – Anerkennung und Beifall.

Wir haben Angst, irrelevant zu werden, also müssen wir wahrnehmen, welche Menschen um uns herum sind. Und R wie Relationships – es geht um Netzwerke und Beziehungen. Wir sollten uns dem Thema mit der Frage annähern: «Wer kann das Unternehmen gestalten, welche Menschen können zu Gestaltern des Wandels werden?» Die Antwort lautet eindeutig: die Menschen in den HR-Abteilungen. Nicht «Siegen» oder «Verlieren» ist heute wichtig für den Erfolg, sondern möglichst lange zu spielen.

Zur Person

Anders Indset ist einer der weltweit führenden Wirtschaftsphilosophen und ein vertrauter Sparringspartner für internationale CEOs und politische Führungskräfte. Thinkers50, das führende Ranking der globalen Wirtschaftsdenker, das von vielen als «Oscar der Managementdenker» angesehen wird, hat Anders Indset auf dem «Radar 2018» als einen von 30 Global Thinkern anerkannt, «der die Zukunft der Unternehmensführung nachhaltig gestalten wird». Der gebürtige Norweger mit Sitz in Frankfurt ist Gastdozent an führenden internationalen Business Schools und bekannt für seine unkonventionelle Denkweise, seine provokanten Thesen und seine Rockstar-Attitüde. www.wirtschaftsphilosoph.com

Buchtipp: Quantenwirtschaft – Was kommt nach der Digitalisierung?

anders indset buchtipp Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz, die ersten Quantencomputer und die Automatisierung von immer weiteren Lebens- und Arbeitsbereichen werden massive Auswirkungen auf unsere Zukunft und unser Wirtschaftsmodell haben. Algorithmen werden zu Autoritäten und diese werden unvermeidlich im Wettbewerb gegeneinander antreten. Aber Technologie allein kann und wird nicht die Antwort auf alle unsere Herausforderungen sein. Noch sind wir Menschen die Treiber und Bindeglieder, die unsere Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Realität steuern. Anders Indset entwickelt drei Szenarien für die nächsten 10 bis 20 Jahre, in denen unsere Zukunft unumkehrbar entschieden wird.

Anders Indset, «Quantenwirtschaft», 2019, 336 Seiten, 
gebunden, 
Econ Verlag 
ISBN: 978-3-43020-272-5

 

Kommentieren0 Kommentare
Eliane Stöckli

Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

Weitere Artikel von Eliane Stöckli

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren