HR Today Nr. 9/2019: Fokus Forschung

Virtuelle Teamarbeit, neue Führungsrealitäten

Richtungsweisende Visionen vermitteln, Begeisterungsfähigkeit erzeugen und eine starke Identifikationsfigur bieten – in der digitalen Arbeitswelt scheitern Führungskräfte zunehmend an diesen Herausforderungen. Aber auch das Führungsverständnis ist überholt, wie aktuellste Forschungen zeigen.

Virtuelle Teams operieren dezentral, kommunizieren elektronisch und organisieren sich mittels Teamsoftware. Das ist eine zeitgemässe Form der Arbeitsorganisation, wie man sie vermehrt findet. Um diese losen Teams zusammenzuhalten, wird vielerorts ein transformationaler Führungsstil popagiert. Führungskräfte sollen demnach als begeisterungsfähige Identifikationsfiguren mit richtungweisenden Visionen zu Team­entwicklung, Zusammenhalt und Motivation beitragen.

Dieses Führungsverständnis haben die Kommunikations- und Führungsforscherinnen Wong und Berntzen der BI Norwegian Business School auf den Prüfstand gestellt. Zu zwei verschiedenen Zeitpunkten befragten die Wissenschaftlerinnen 79 Angehörige von 18 virtuellen Teams zweier norwegischer Organisationen. Später replizierten sie ihre Studie, indem sie erneut Daten von 107 Mitgliedern von 42 Teams in einer internationalen IT-Organisation sammelten.

Die statistischen Auswertungen zeigten:

  • Teams empfinden die Qualität der Führung als besser, wenn sich Führungskräfte transformationaler Verhalten bedienen. Dieser positive Effekt wird jedoch gedämpft, je stärker die Teamkoordination und -kommunikation über elektronische Medien erfolgen.
  • Eine wesentliche Ausnahme bildeten Teams, in denen neben einer dominierenden elektronischen Koordinationsplattform auch grosse, aufgabenbezogene Abhängigkeiten vorherrschen. Beispiele dafür sind virtuelle Projektteams bestehend aus Experten verschiedener Fachbereiche. Diese Teams haben die Führung bei verstärktem Einsatz von transformationaler Führung als negativ beurteilt.

Daraus resultiert für die Führungspraxis:

  • Mit zunehmender Digitalisierung der Arbeitswelt erscheint es schwieriger, positive Emotionen und Begeisterungsfähigkeit auf elektronischem Weg zu erzeugen. Grund genug, einen verstärkten Fokus auf digitale Kommunikationsfähigkeiten in der Führungsentwicklung zu legen und ausreichend Budgets für gelegentliche, persönliche Teamtreffen vorzusehen.
  • Gerade wenn projektbezogen gearbeitet wird, scheint die Abkehr vom Verständnis der Führungskraft als starke Identifikationsfigur und Richtungsweiser hin zu jener des Team-Coachs erfolgsversprechend. In dieser Rolle fördern Führungskräfte ihre Teams in der Entwicklung einer gemeinsamen Identifikationsbasis, gemeinsamer Ziele und Visionen in Bottom-up- statt Top-down-Manier.

Quelle: Wong S.I, & Berntzen, M.N. (2019). Transformational leadership and leader-member exchange in distributed teams: The roles of electronic dependence and team task interdependence. Computers in Human Behavior, 92, 381-392.

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Manuela Morf

Dr. Manuela Morf, Oberassistentin am Center für Human Resource Management (CEHRM), Universität Luzern.

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