HR Today Nr. 10/2020: Betriebliches Gesundheitsmanagement

Bergluft atmen

Beim Spazieren kommt man schneller auf eine Lösung, als wenn man sich hinter seinem Schreibtisch verschanzt. Noch schneller geht es, wenn man sich professionelle Hilfe holt. Etwa beim Coaching-Unternehmen Oneday, das seine Kunden hierzu vornehmlich in die Bergwelt entführt.

Outdoor-Coaching selbst erleben. Mit diesem ­Vorsatz begebe ich mich nach Bern, um mich mit Thomas Theurillat vom Coaching-Unternehmen Oneday zu treffen. Pünktlich treffen wir uns am Berner Bahnhof und begrüssen uns nach ­Corona-Manier Ellbogen an Ellbogen. Die nächs­te Stunde ist für unser Selbstexperiment reserviert. Mit flottem Schritt marschieren wir bei spätsommerlichen Temperaturen Richtung Aare. «Was möchtest du nach dieser Stunde erreicht haben?», fragt mich Theurillat, als wir bei der Standseilbahn vor einem Torbogen ankommen: «Wenn du hier durchschreitest, ist ein Jahr vergangen, sind zwei oder drei Jahre vorbei. ­Wofür entscheidest du dich?» Ich zeichne mein künftiges Leben in allen möglichen Facetten und merke am Schluss unseres Spaziergangs beim Café Restaurant Terrasse an der Aare, dass ich mich vor allem auf ein Projekt eingeschossen habe, obwohl es so viele weitere Chancen gäbe.

«Wenn wir uns bewegen, denken wir klarer und strukturierter», sagt Theurillat. «Schon die griechischen Philosophen Platon und Sokrates wussten das.» Auch sie seien spazieren gegangen, wenn sie in einer Angelegenheit nicht vorwärtskamen. Sich in Bewegung zu setzen, bringe die Dinge in Bewegung. Beim Spazieren oder Wandern gäbe es zudem weniger Ablenkung. Eine wichtige Voraussetzung, um an Klarheit zu gewinnen. «Im Büro zwischen zwei Anrufen kann man seinen Lebenssinn kaum finden.» Ganz im Gegensatz zu den ein- oder mehrtägigen Outdoor-Coachings, die unter dem Motto «Ein Thema, ein Tag» stehen, an die sich Theurillats Kunden Jahre später noch erinnern. Um sich ­Hilfe zu holen, müsse man sich bei Oneday nicht Wochen im Voraus melden. «Wer ein Problem lösen will, kann heute anrufen und morgen einen Termin vereinbaren.»

Das «aber» streichen

Coaches werden mit vielerlei Lebensfragen ihrer Kunden konfrontiert. Dabei kommen auch psychische Probleme zum Vorschein. Doch wo verläuft die Grenze zwischen Psychologe und Coach? «Ein Coach geht davon aus, dass sein Kunde eine eigene Lösung findet. Er masst sich nicht an, ihm Ratschläge zu erteilen», sagt Theurillat. Also ­beispielsweise, ob ein Manager die 100 Mails, die er pro Tag erhält, ohne sie zu lesen gleich löschen, zur Hälfte beantworten oder ruhen lassen soll. Vielmehr sei die Aufgabe eines Coaches, das «aber» aus dem Vokabular seiner Kunden zu streichen, also die vermeintlichen in Stein gemeisselten Gründe, weshalb ein Vorhaben nicht realisiert werden kann. «Dann kommt man zum Kern der Sache.» Etwa, wenn einen Kunden nur das eigene Sicherheitsdenken vom Sprung ins Unbekannte abhält.

Dünne Luft an der Spitze

Menschen werden von Emotionen und Bildern angetrieben. Wer gewinnen will, müsse deshalb ein klares Erfolgsbild haben. «Wer das nicht hat, kann sich nicht entwickeln», sagt Theurillat. ­Daneben seien Ernst- und Gewissenhaftigkeit erforderlich: Je weiter man es nach oben schaffe, desto mehr gäbe es auch zu verlieren. «An der Spitze sind nur wenige Plätze zu vergeben. Es gibt nur einen Weltmeister und einen CEO.» Man ­gewinne oder eben nicht. «In solchen Situationen geht es darum, seine Leistungen abzurufen, wenn es darauf ankommt, und mit Druck umzugehen.»

Welche Fragen man als Coach stelle, sei nicht so wichtig. «Natürlich muss man seine Werkzeuge kennen», sagt Theurillat. Die Wahl des Instruments trage jedoch höchstens 15 Prozent zum Erfolg bei. «Der Rest hängt vom Kunden ab.» Bei der Fragestellung stehen für ihn deshalb vielmehr die Kundenbedürfnisse im Vordergrund. Doch was beschäftigt seine Kunden? «Viele Führungskräfte fragen sich, was modernes Leadership bedeutet und was es heisst, über bestimmte Werte zu führen», antwortet Theurillat. «Sie befinden sich in einem Spannungsfeld und müssen Widersprüche aushalten. Etwa, indem sie sich mit dem grossen Ganzen genauso beschäftigen wie mit Details, Verantwortung übernehmen und dennoch delegieren und sich trotz Stress und Druck erholen.» Doch nicht alle Arbeitnehmenden profitieren gleichermassen von Coachings: Besonderen Handlungsbedarf ortet Theurillat bei Firmen im Umgang mit herausragenden Mitarbeitenden. «Oft wird in Schwache investiert, aber wenig in jene, die den Laden schmeissen.»

Es braucht mentale Stärke

Unsere Zeit nähert sich dem Ende. Als wir das Restaurant verlassen, will die Kellnerin von Theurillat wissen: «Was hätte ich besser machen können?» Sie bekommt eine ehrliche Antwort. Weshalb er sich bereitwillig auf ihre Fragen ­eingelassen hat? «Sie wollte sich wirklich ver­bessern.»

Eine, die es auch besser machen will und sich von Oneday coachen lässt, ist Yael Margelisch. Die Schweizer Gleitschirmfliegerin ist als erste Frau über 500 Kilometer geflogen, wurde 2018 Schweizermeisterin, belegte den dritten Platz an der Europaweltmeisterschaft sowie den zweiten Platz im World-Cup-Finale. Im August 2019 wurde sie zudem Vize-Weltmeisterin bei der WM der Gleitschirmflieger in Krusevo in Nordmazedonien. «Der Ehrgeiz hat mich immer getrieben», sagt die 29-Jährige, «auch in anderen Sportarten, als ich noch jünger war.» In den vergangenen Jahren hat sich die Romande enormes technisches Wissen angeeignet, um an der Spitze mithalten zu können. Das allein reicht für einen Platz auf dem Podest nicht. «Es braucht mentale Stärke, um weiterzukommen.» Wer mehrmals auf der Siegertreppe stand, ist zudem grösserem Druck ausgesetzt als ein «Newcomer». Wie Margelisch damit umgeht? «Den Druck abzubauen, den ich mir vor einem Wettbewerb mache, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit mit Thomas Theurillat.» Das gelinge, indem sie jeden Tag ein bestimmtes Ritual anwende und sich eher auf ihre Gefühle als auf ihre Gegner konzentriere. Etwas, dass sie im August 2020 an der Weltmeisterschaft in Disentis geschafft hat: Zusammen mit der Französin Seika Fukuoka belegte sie den ersten Platz.

Oneday

Das Coaching-Unternehmen Oneday bietet Sportlern, Führungskräften und Privatpersonen Unterstützung, die sich mental stärken und an ihren beruflichen Zielen arbeiten möchten. Etwa bei Führungsfragen, dem Umgang mit Druck und Stress, aber auch, wenn es darum geht, sich Klarheit über Zweck und Ziele der nächsten beruflichen Schritte zu verschaffen. Das heisst beispielsweise, Chancen in Veränderungen zu sehen, Vertrauen in eigene Fähigkeiten unter Druck beizubehalten, sich für hohe und realistische Ziele zu begeistern und den Handlungsspielraum und das Kontroll­gefühl zu verbessern. Das Coaching ­findet draussen in der Natur statt und reicht von ein- bis zu dreitägigen Auszeiten. Zum Team gehören elf Coaches mit unterschiedlichen Berufserfahrungen – vom Hotelier, Psychologen, Kaderangehörigen, Spitzensporttrainer zum Betriebswirtschafter und Unternehmer, ­Biologen bis hin zum Bergführer und Unternehmensberater. oneday.ch

 

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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