HR Today Nr. 10/2020: Betriebliches Gesundheitsmanagement

Die schwierige Rückkehr ins Arbeitsleben

Wird das Gehirn durch einen Unfall oder eine Krankheit geschädigt, ist plötzlich nichts mehr wie vorher. Wie Betroffene zurück ins Arbeitsleben finden und Arbeitgebende sie unterstützen können.

Hirnverletzungen sind oft unsichtbar. «Für Aussenstehende ist eine solche Beeinträchtigung schwer fassbar. Viele Betroffene sprechen deshalb ungern darüber», sagt die Bereichsleiterin Beratung, Silvia Spaar, von Fragile Suisse. «Meist aus Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.» Zwar stelle jede Verletzung das Gehirn vor grosse Herausforderungen. Die gute Nachricht sei aber, dass dieses trotzdem lernfähig bleibe. Vereinfacht ausgedrückt: Nervenzellen und Verbindungen, die nicht durch die Verletzung abgestorben sind, können sich regenerieren. Doch dies brauche Zeit und sei für die ­Betroffenen sehr belastend. «Menschen mit Hirnverletzungen kommen schneller an ihre Leis­tungsgrenzen als vorher.» Dem müsse im Betrieb Rechnung getragen werden.

Die Unterschiede der Folgen und Beeinträchtigungen sind gross: Betroffene können körperliche Einschränkungen haben, sind vielleicht halbseitig gelähmt oder können nicht mehr richtig gehen und sprechen. Auch das Verhalten, das Denken und die Persönlichkeit können davon tangiert sein. So schaffen es einige Betroffene nicht mehr, alltägliche Aufgaben zu erledigen, den eigenen Haushalt zu führen oder ihren früheren Beruf auszuüben. «Die Wiedereingliederung von hirnverletzten Personen in Gesellschaft und Arbeitswelt ist entsprechend schwierig – aber nicht unmöglich», sagt Spaar. Für das private und auch berufliche Umfeld sei es wichtig zu verstehen, dass Menschen mit einer Hirnverletzung nichts vorspielen, sie nicht psychisch krank sind und es ihnen auch nicht am Willen mangelt, einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. «Sie brauchen dazu aber eine fachkundige neurologische Rehabilitation», betont Spaar. «Der Heilungsverlauf dauert zudem meist sehr lange. Auch nach der medizinischen Behandlung benötigen Betroffene oft weitere Unterstützung.»

Rahmenbedingungen anpassen

Im Architekturbüro Burckhardt+Partner AG arbeiten rund 400 Mitarbeitende. Personen mit Hirnverletzungen werden nach Möglichkeit wieder eingegliedert. Doch wie gelingt das? «Es gibt kein allgemeingültiges Rezept dafür», sagt HR-Leiterin Karin Isler, die solche Eingliederungen begleitet. «Grundsätzlich braucht es aber viel Verständnis vom Arbeitgebenden und den Teamkollegen.» Wie das «Danach» für Betroffene aussehe, hänge von den betrieblichen Möglichkeiten, der medizinischen Beurteilung und der gegenseitigen Einstellung ab. Während der Akut­phase – also beispielsweise nach einem Unfall mit hirnschädigenden Folgen – sei vor allem Empathie gefragt. Im weiteren Verlauf gehe es vorwiegend um die Koordination mit Amtsstellen wie der IV und darum, wie der Arbeitsausfall vom Arbeitgebenden aufgefangen werden kann. «Betroffene Mitarbeitende sollen sich auf ihre Genesung konzentrieren», sagt Isler. Der Dialog zum Mitarbeitenden, oder je nach Fall zu dessen Angehörigen und Ärzten, solle in jedem Fall ­aufrechterhalten bleiben. «So bricht die Brücke ins Geschäft nicht ab. Eine Rückkehr ist deutlich einfacher.»

Mitarbeitende sollen sich entfalten. Das gelte auch für Menschen mit einer Beeinträchtigung, sagt Isler. Dazu sollten Vorgesetzte oder HR-Verantwortliche gegenüber Hirnverletzten als Vertrauensperson agieren. «Das hilft Betroffenen bei der Verarbeitung des Schicksalsschlags und im Prozess der Wiedereingliederung.» Um Hirnverletzte im Betrieb zu entlasten, sollten Aufgaben verteilt und angepasst werden. «Betroffene sollten sich hierzu mit ihren Vorgesetzten absprechen, während die Personalabteilung als ‹neutrale› Stelle zur Reflexion zur Verfügung steht.» Je nach Situation sei zudem eine professionelle Begleitung angezeigt. Beispielsweise durch Fachpersonen von Fragile Suisse. Dennoch müsse man auch bei tragischen Schicksalen die Balance zwischen Privat und Geschäft finden. «Die unternehmerische Abwägung zwischen betriebswirtschaftlichen und sozialen Aspekten ist nicht immer einfach», so Isler. «Manchmal ist eine ‹Trennung› sinnvoller.»

Die richtige Balance finden

«Kehrt die hirnverletzte Person an ihren bisherigen Arbeitsplatz zurück, erfolgt zunächst ein therapeutischer Arbeitsversuch», erklärt Silvia Spaar von Fragile Suisse. «Betroffene sind zwar weiterhin zu 100 Prozent arbeitsunfähig und erhalten Taggelder, können aber trotzdem Arbeitseinsätze absolvieren.» Zunächst würden nur kurze Einsätze geplant, beispielsweise zwei Stunden an zwei Tagen in der Woche. Da in der Genesungsphase ambulante Therapien nötig seien, sollten nur «therapiefreie» Tage für Arbeitseinsätze verplant werden. «Eine allfällige Erhöhung, die Dauer und die Art der Einsätze sollten immer mit den behandelnden Ärzten und dem Arbeitgebenden abgesprochen werden», erklärt Spaar. «Hat sich die Leistungsfähigkeit eines Arbeitnehmenden entscheidend stabilisiert, kann die Arbeitsunfähigkeit jedoch angepasst werden.»

Gegenseitiges Verständnis

Betroffene seien meist hochmotiviert, sollten sich aber nicht überfordern. Fehlt Arbeitgebenden das Wissen zu den Folgen von Hirnverletzungen, würden die Bedürfnisse der Betroffenen möglicherweise nicht erkannt. Das könne rasch zu deren Überlastung führen, sagt Spaar. Arbeitgebende können Führungskräfte und Teamkollegen im Umgang mit Hirnverletzungen jedoch schulen lassen. «Wir bieten hierzu individuelle Coachings.» So oder so: «Die Personalabteilung sollte sich mit den Kaderfachkräften absprechen, um die situativ besten Eingliederungslösungen abzuleiten und den weiteren Eingliederungsprozess zu definieren», sagt HR-Leiterin Karin Isler. Matchentscheidend sei die richtige Kommunikation. «Für das bestehende Team kann eine solche Wiedereingliederung puren Stress bedeuten. Man will ja nichts falsch machen. Deshalb sollte die Rückkehr nicht nur mit dem Team, sondern auch mit dem Betroffenen besprochen werden», sagt Isler. Seien die gegenseitigen Erwartungen und Bedürfnisse klar, stehe einer guten Teamarbeit selten etwas im Weg.

Dass dies funktioniert, stellt Fragile Suisse mit Andy*, einem hirnverletzten Mitarbeitenden, unter Beweis: Er arbeitet zwei halbe Tage in der Woche in der Geschäftsstelle in Zürich und erledigt festgelegte Aufgaben, die er nach langer Einarbeitung und mehrfacher Wiederholung selbstständig ausführt. Dazu kommen wechselnde Tätigkeiten, die ihm ausführlich erklärt werden. Sind mehr als drei bis vier Arbeitsschritte nötig, steht ihm bei den ersten Ausführungen eine Ansprechperson zur Seite. Nach anfänglichen Schwierigkeiten weiss Andy nun, wann es zu viel wird und er eine Pause braucht. Mittlerweile gönnt er sich ohne Scham eine Rast und kann danach erholt weiterarbeiten.

* Aus datenschutzrechtlichen Gründen (Patienten- und Persönlichkeitsschutz) darf weder der vollständige Name noch die genaue Diagnose der Hirnverletzung genannt werden.

Checkliste mit Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitgebende:

  1. Mit dem hirnverletzten Mitarbeitenden detailliert besprechen, welche Arbeiten noch möglich sind.
  2. Klären, wie lange am Stück gearbeitet werden kann. Dies immer wieder thematisieren, da die Ausdauer in der Genesungsphase steigt.
  3. Komplexe Aufgaben in kleinere Teilaufgaben unterteilen.
  4. Arbeitsplatzbedürfnisse klären und Arbeitsplatz entsprechend einrichten: Licht, Lärm, Ablenkungen etc.
  5. Für Betroffene ist es oft schwierig, sich zu merken, welche digitalen Dateien wo abgespeichert sind. Deshalb kann es Sinn machen, einen Ordner für diese Person anzulegen, in dem alles abgelegt wird, was der Betroffene für seine Arbeit braucht.
  6. Eine Ansprechperson für Fragen zum Arbeitsablauf bestimmen.
  7. Freiraum lassen für die Erledigung der Aufgaben. Vier Stunden Anwesenheit bedeutet nicht vier Stunden Output.
  8. Offene, konstruktive Rückmeldungen zur erledigten Arbeit geben.
  9. Pausen machen lassen, wenn die Person spürt, dass es nötig ist. Am Anfang vielleicht auch darauf hinweisen, dass eine Pause angebracht wäre, bis die Person das selber spürt.
  10. Vor allem zu Beginn ist es wichtig, dass die Person gut ins Team eingegliedert wird. Zum Beispiel dadurch, dass sie nicht immer alleine Pause macht, damit sie sich sozial vernetzt und integriert fühlt.
  11. Allgemein: einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe pflegen, Schwächen akzeptieren, Geduld haben.

Was ist eine Hirnverletzung?

Jedes Jahr erleiden in der Schweiz mehr als 22 000 Personen eine Hirnverletzung. Über 130 000 betroffene Menschen leben in der Schweiz. (Quelle: European ­Neuropsychopharmacology 2011) Die häufigsten Ursachen sind Schlaganfälle, Hirnblutungen, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumore, Sauerstoffmangel – beispielsweise aufgrund eines Herzstillstands oder Krankheiten wie Borreliose und Hirnhautentzündung.

Fragile Suisse:

Fragile Suisse ist die schweizerische Patientenorganisation für Menschen mit Hirnverletzung und deren Angehörige und gilt als Kompetenzzentrum mit umfassenden Kenntnissen und Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen. fragile.ch

 

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Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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