HR Today Nr. 4/2022: Porträt & Video-Porträt

«Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht»

Sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen und ein offenes Ohr sowie ein Herz für sein Umfeld zu haben – diese Eigenschaften zeichnen Horst Johner aus. Der BLS-Personalleiter packt gerne an, ist begeistert von New Work und schreckt vor Veränderungen nicht zurück.

Der Hauptsitz des Schweizer Verkehrsunternehmens BLS AG am Bollwerk in Bern ist von aussen unscheinbar, von innen dagegen atemberaubend: grosse, hohe Räume, verschnörkelte Stuckaturen und farbige Fenster. «Schön hier, nicht?» HR-Leiter und Geschäftsleitungsmitglied Horst Johner macht eine einladende Geste und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. «Das ist eines unseren neuen All-in-one-Zimmer: Begegnungszone und Arbeitsplatz, mit Telefon-Kabäuschen, Sesseln zum Verweilen und einem grossen Sitzungstisch.» An allen Bürostandorten hat die BLS ein Zonenkonzept eingeführt mit dem Ziel: weg von fixen Arbeitsplätzen, hin zu Clean-Desk-Policy und hybrider Arbeitsweise.

Das Grossprojekt «hybride Arbeitswelt 4.1» beschäftigt Horst Johner intensiv. «Wir haben zwei Coworking-Hubs in Burgdorf und Köniz eröffnet. Sie liegen beide in der Nähe von BLS-Bahnhöfen und schaffen neue, moderne Möglichkeiten für bereichsübergreifendes Arbeiten.» Damit nicht genug: Johner verantwortet ein weiteres Grossprojekt, das die HR-Kernprozesse des Verkehrsunternehmens standardisiert, digitalisiert und automatisiert. Dafür wurde Anfang 2022 ein neues cloudbasiertes HRM-System eingeführt. Ausserdem entwickelte die BLS-Geschäftsleitung in den letzten Monaten eine neue Personalstrategie und ein neues HR-Zielbild. «Wir wollen uns im HR rollenbasiert und im Sinne einer ‹selbstgeführten Organisation› aufstellen», erläutert Johner begeistert. Seine Augen leuchten: «Ein spannender und herausfordernder Transformationsprozess. Es macht Spass, Teil der neuen BLS-Ära zu sein und in meiner Rolle neue Akzente zu setzen.»

Einstieg ins HR

Teil einer Ära war Horst Johner schon in der Vergangenheit: Knapp 30 Jahre lang arbeitete er beim Schweizer Pharmakonzern Lonza. 1987 beginnt der damals 15-Jährige seine Ausbildung zum Chemie- und Pharmatechnologen (CPT) am Standort Visp. Doch wie kommt man vom CPT ins HR? «Ich erstellte in meinen ersten Berufsjahren ein Ausbildungsprogramm für Schichtmitarbeitende. Dabei erkannte ich, dass ich gerne Menschen ausbilde und mein Wissen weitergebe.» 1996 absolviert Horst Johner das Lehrmeisterdiplom und wechselt in die Erwachsenen- und Lernendenausbildung. In dieser Position erarbeitet er ein ganzheitliches Ausbildungskonzept und nimmt eine Produktionsanlage für Schulungszwecke in Betrieb.

 

2000 erfolgt sein Wechsel ins HR – zuerst als Sachbearbeiter «Lohn und Gehalt», dann als HR-Businesspartner. «Ich war strategischer Sparringpartner der Führungskräfte und begleitete unter anderem organisatorische Veränderungsprozesse in der Logistik, den Werkstätten sowie den Produktionsorganisationen in Visp und Basel.» Parallel dazu ist Johner unter anderem im Verhandlungsteam mit den Gewerkschaften und Angestelltenvertretungen. Das befähigt ihn, die Verantwortung als «Projektleiter für standortübergreifende und sensitive HR-Projekte» für die Schweizer Lonza-Standorte zu übernehmen. «Es gab etliche heikle Projekte, beispielsweise die Umsetzung der unbezahlten Arbeitszeiterhöhung an den Standorten Visp und Basel», erklärt Horst Johner. «Eine herausfordernde, aber auch lehrreiche Zeit.»

Ab 2012 ist er Leiter HR-Services für die Schweiz und die Handelsregion EMEA (Europa, Mittlerer Osten, Afrika) sowie Mitglied des globalen HR-Leadership-Teams von Lonza. Zu seinen Aufgaben gehören zahlreiche Auslandeinsätze. Teilweise dauern diese mehrere Monate, wie jene in Grossbritannien und Singapur zwischen 2012 und 2016. Für Johner eine prägende Zeit: «Weit weg von zu Hause mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten, war nicht immer einfach.» Am Lonza Standort im britischen Slough, westlich von London, baut Johner die HR-Services auf; in Singapur leitet er ein strategisches Workforce-Planning-Projekt. «In dieser Zeit lernte ich, dass man vermeintlich Unmögliches erreichen kann, wenn es einem gelingt, alle Beteiligten für ein ambitioniertes Ziel zu begeistern.»

Vom Weltkonzern ins Spitalwesen

Johner erweitert bei Lonza kontinuierlich seinen Erfahrungsschatz: Er setzt mit verschiedenen Teams Veränderungsvorhaben um, behält die Digitalisierung im Blick und automatisiert Prozesse, wo es Sinn macht – und sammelt weitere Führungserfahrung. «Rahmenbedingungen schaffen, in denen Mitarbeitende ihre Stärken abrufen und mit Herzblut Aufgaben übernehmen, ist eine strenge, aber schöne Aufgabe», erläutert er seine Führungsprinzipien. «Es braucht Vertrauen, Zutrauen und ein offenes Ohr. Einer meiner Grundsätze lautet seit vielen Jahren: ‹Hart in der Sache, weich mit den Menschen›.»

Empathie benötigt Johner auch bei seiner nächsten beruflichen Station: Im Sommer 2017 wird er HR-Leiter und Geschäftsleitungsmitglied beim Spitalzentrum Oberwallis in Brig. Von einem börsenkotierten Weltkonzern in ein Kantonsspital – ein krasser und bewusster Wechsel. Die Stelle kommt für Johner wie gerufen: Er will «Neues sehen» und seine Werte und Fähigkeiten in einer komplett anderen Branche einbringen. «Die Interdisziplinarität des Spitalpersonals begeisterte mich. Ich war beeindruckt, wie das Personal mit emotional schwierigen Themen wie Krankheit und Tod umgeht», sagt Johner. In den folgenden drei Jahren definiert er zusammen mit der Geschäftsleitung und seinem Team eine neue HR-Strategie und konzipiert ein ganzheitliches Talentmanagement.

Kurz und bündig

Horst Johner sitzt auf einem Stuhl.Sommer oder Winter?
Ich liebe die Vorzüge jeder Jahreszeit.

Auto oder Zug?
Zug. Da kann man gut arbeiten, ­sinnieren, diskutieren, Menschen beobachten oder sich einfach mal ausruhen.

Bauch oder Kopf?
Mein Bauchgefühl sagt mir oft intuitiv, was wann zu tun ist.

Hierarchie oder Holacracy?
Je nach Geschäftsmodell beides. Ich sehe grosse Chancen mit Holacracy.

Konstanz oder Veränderung?
Ganz klar Veränderung. Wobei mir wichtig ist, dass die Geschwindigkeit der Veränderung angepasst wird. Oft neigen Organisationen dazu, sich zu schnell zu verändern. Doch das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

 

Nebst seiner GL- und HR-Funktion im Spitalzentrum verantwortet Johner als Projektleiter die «Funktionenbewertung» für die gesamte Spitallandschaft des Kantons Wallis. Heisst im Detail: Zusammen mit einem Projektteam bewertet er 350 Referenzstellen als Basis für den Aufbau eines HR-Managements inklusive einer Neukonzeption des Lohnsystems.

Durch Zufall bemerkt Johner im Frühling 2020 das Stelleninserat des Verkehrsunternehmens BLS. Ihn reizt die Herausforderung, in einem ihm völlig neuen Bereich Fuss zu fassen. Der Abschied vom Gesundheitswesen fällt ihm indes nicht leicht: «Es hat mir sehr gefallen und ich war tief beeindruckt ob der Selbstlosigkeit in dieser Branche.» Und doch zieht Johner im Oktober 2020 nach Bern, wo er HR-Leiter und Geschäftsleitungsmitglied bei der BLS wird. «Das heterogene Geschäftsmodell mit Bahn, Bus und Schiff sprach mich an. Ausserdem nahm ich die BLS als fortschrittliches Unternehmen wahr, das viel Wert auf seine Kultur legt.» Eine Ahnung, die sich bewahrheitet.

Nicht auf den Lorbeeren ausruhen

Horst Johner stösst mitten in der Corona-Pandemie zum Verkehrsunternehmen. «Eine schwierige Zeit. Der gesamte öffentliche Verkehr verbuchte einen starken Rückgang. Langsam kehren unsere Kundinnen und Kunden aber wieder zurück», gibt sich Johner vorsichtig optimistisch. Die Pandemie hat ihm indes auch aufgezeigt, dass die Entwicklung einer neuen Arbeitswelt möglich und auch nötig ist. «Die neuen Arbeitsformen und -mittel haben sich bewährt. Diese wollen wir in die Zukunft mitnehmen und wo möglich und sinnvoll weiter ausbauen.» Dazu gehören beispielsweise das neue BLS-Bürokonzept mit Gemeinschaftsräumen, die einen engeren Kontakt zwischen den Abteilungen und Hierarchiestufen erlauben, sowie hybride Arbeitsformen, die virtuelle Ad-hoc-Meetings ermöglichen. «Dank wegfallender Arbeitswege führt das bei uns zu einer höheren Produktivität.»

Zufrieden damit gibt sich der HR-Leiter indes nicht. Auch jetzt tanzt er auf mehreren Hochzeiten und ist seit Juni 2021 im Verwaltungsrat von «Login», dem schweizweiten Bildungspartner für Berufe im Verkehrswesen und damit auch Partner der BLS. «Wissen vermitteln und sich Wissen aneignen sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren eines Menschen und der Gesellschaft», sagt Johner. «Eine gute Grund- und Weiterbildung ist unerlässlich für die Zukunft. Deshalb engagiere ich mich so stark dafür.» Seit Dezember 2021  ist Johner zudem im Verwaltungsrat der BLS Schifffahrt AG und wird ab Juli 2022 das Stiftungsratsmandat bei der Pensionskasse Symova übernehmen.

Viele Aufgaben und Projekte gleichzeitig zu bestreiten, zieht sich durch den bisherigen Werdegang des heute 51-jährigen gebürtigen Wallisers. Besteht da nicht das Risiko, irgendwann auszubrennen? «Ausbrennen nicht, nein. In herausfordernden beruflichen Rollen ist es jedoch wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen», betont Johner. Manchmal müsse man mutig sein, Projekte kritisch hinterfragen und sie notfalls zurückstellen – egal, ob beruflich oder privat. Seine Batterien lädt der BLS-HR-Leiter, der mit seiner Lebenspartnerin in Spiez wohnt, unter anderem in der Natur: «Ich treibe Winter- und Sommersport, bin musikalisch, schwinge den Kochlöffel oder treffe mich mit Familie und Freunden.»

BLS AG

Im Sommer 1906 wird die Berner Alpenbahn-Gesellschaft Bern-Lötschberg-Simplon BLS gegründet und 100 Jahre später fusionieren die Regionalverkehr Mittelland AG und die BLS Lötschbergbahn AG zur BLS AG. Eigner sind der Kanton Bern mit 55,8 Prozent, der Bund mit 21,7 Prozent sowie weitere Kantone, Gemeinden und Private. Das Angebot aus Bahn, Bus, Schiff, Autoverlad und Güterverkehr macht die BLS zu einem der grössten Verkehrsunternehmen der Schweiz. Die BLS AG beschäftigt insgesamt über 3500 Mitarbeitende. bls.ch

 

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Eliane Stöckli.

Online-Redaktorin, HR Today. es@hrtoday.ch

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