HR Today Nr. 1/2022: Porträt & Video-Porträt

Kopfkino versus Realität

Daniel Kerns Lebenslauf ist abenteuerlich. Bevor er 2010 ins HR kam, arbeitete er als Edelsteinhändler, im Sicherheitsdienst, initiierte die Academy eines Telekommunikationsanbieters und war selbständiger Coach. Seit 2017 verantwortet er als Chief Human Resources Officer und Mitglied der Geschäftsleitung die personellen Belange des Erotik-Onlineshops Amorana in Wallisellen.

«Ehrewort? Verzell!», ist die neugierige Frage, die Daniel Kern bei Veranstaltungen und Partys häufig gestellt wird, wenn er verrät, wo er tätig ist. «Ich arbeite gern für ein Unternehmen, bei dessen Erwähnung die Leute die Ohren spitzen», sagt der Chief Human Resources Officer (CHRO) von Amorana verschmitzt. Doch ist Kerns Arbeitsumgebung tatsächlich so extravagant, wie sich das so mancher vorstellt? Dass externes Kopfkino und interne Realität selten deckungsgleich sind, bestätigen die Büroräumlichkeiten am Amorana-Hauptsitz in Wallisellen, die fast schon ein wenig steril wirken. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man auf einigen Büroablagen kleine und grosse bunte Sex-Toys sowie an einer Wand eine gerahmte Trouvaille aus dem Blockbuster «Fifty Shades of Grey».

Das Kopfkino erschwerte es HR-Leiter Daniel Kern während seiner Amorana-Anfängen 2017 auch, die richtigen Leute für das Unternehmen zu finden: «Wir brauchen Mitarbeitende, die ohne ‹Goifer› bei uns arbeiten. Wer das nicht kann, ist definitiv falsch bei uns.» Glücklicherweise hätten sich bei Bewerbenden diese falschen Vorstellungen grösstenteils verflüchtigt. Das sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich Amorana in den letzten Jahren eine Reputation erkämpft habe. «Wir entwickelten uns vom unbekannten Start-up zum grössten Schweizer Onlineshop im Erotikbereich.» Heute sei Amorana ein begehrter Arbeitgeber: «Wir bieten, was momentan alle wollen: Topwissen im eCommerce und Online-Marketing.»

Diamanten, Security und Telekommunikation

Kern sagt das mit Überzeugung. Er ist eine eindrückliche Persönlichkeit. Drahtig und sportlich im Erscheinungsbild, strahlt er Ruhe und Besonnenheit aus. Wer einen Blick hinter die Fassade wirft, erfährt von seinem abenteuerlichen und unkonventionellen Leben, das unscheinbar startete: So absolvierte Daniel Kern 1980 eine kaufmännische Lehre, um im Anschluss als Fassaden­isoleur und Gerüstbauer durch verschiedene Baustellen zu tingeln. «Ich hatte genug vom Büro und wollte etwas mit den Händen machen», erklärt er. Nach einem Jahr reicht es ihm: Kern kehrt ins kaufmännische Gefilde zurück. Dort arbeitet er ab 1985 als Versicherungssachbearbeiter für die Vita/Zurich, danach für die Rentenanstalt. 1989 findet er über einen Krimi Geschmack an den Tätigkeiten des Diamantenhandels. Eine Freundin in einer Personalberatung hilft ihm beim Berufswechsel und vermittelt ihn an einen Diamantenhändler. «In meiner halbjährigen Probezeit evaluierte mein Vorgesetzter mein gutes Auge, meine ruhigen Hände und mein verkäuferisches Flair.» Der Versuch verläuft erfolgreich und der 26-Jährige tritt eine Vollzeitstelle im Diamantengeschäft an. Daniel Kern lernt das Business von der Pike auf. Es folgen Ausbildungen und Praktika in Schleifereien sowie an der Diamantenbörse in Antwerpen. 1995 folgt die Konsumgüterkrise, das Diamantenbusiness verliert an Lukrativität und der knapp 30-Jährige schaut sich nach Neuem um.

«Was kann ich eigentlich?», fragte sich Kern. Nebst seinem beruflichen Hintergrund: Kampfkunst, lautet die Antwort. Seit seiner Kindheit hat sich Kern dieser Sportart verschrieben – von Karate über Judo und Kung-Fu bis hin zu Krav Maga. Er macht daraus ein Geschäft und gründet einen Reisebüro-Security-Service für ehemalige Lieferanten und Mitbewerbende im Diamantengewerbe mit Reiseplanung, Begleitung und Vor-Ort-Sicherheitsdienst. Das macht seine Freunde aus der Club- und Gastroszene hellhörig. Er erhält weitere Sicherheitsdienstanfragen. Kern wittert den Erfolg und ist von 1995 bis 1999 in der Sicherheitsbranche tätig. «Am Ende hatte ich fast 30 Festangestellte.» Das Geschäft läuft, aber Kern tut sich zusehends schwer mit den Rahmenbedingungen: «Die Gewalt und der Drogenhandel nahmen zu, deshalb schaute ich mich nach einem neuen Betätigungsfeld um.»

Der Zufall will es, dass 1999 ein Freund auf Daniel Kern zukommt und ihm eine Projektleiterstelle im Business Development Mass Retail beim Jungunternehmen Diax/Sunrise anbietet. Ein Neubeginn: «Ich sollte das Verkaufspunkte-Netz und zusammen mit meinem damaligen Vorgesetzten das Sales Team aufbauen.» Kern legt sich ins Zeug, steigt 2000 zum Verkaufsleiter Schweiz auf und initiiert 2004 in seiner Funktion als Head Internal Services and Training die Sunrise Sales Academy, in der Verkäufer wie auch Absatzmittler in den Shops ausgebildet werden. Kern findet seine Berufung: «Es hat Klick gemacht: Ich wollte Leute fördern, unterstützen und begleiten.» Er verlässt 2006 das Unternehmen, um sich nach einer fundierten Coaching-Ausbildung als Berater und Coach selbständig zu machen.

Selbständig, angestellt und nochmals von vorn

2010 gründen Freunde von Kern das eCommerce-Start-up «DeinDeal». Das Unternehmen wächst sehr schnell. Bald sind die Gründer in Personalfragen überfordert. Kerns HR-Expertise ist gefragt. Seine Antwort: «Ich arbeite zwar mit Menschen, bin aber kein Personaler.» Für seine Freunde aber kein Hinderungsgrund, ihn zu engagieren. Sie überzeugen ihn. 2011 wird er CHRO von «DeinDeal». Ein Sprung ins kalte Wasser: «Glücklicherweise hatte ich keine Berührungsängste, wahrscheinlich, weil ich bis heute ein Autodidakt und lernbegierig geblieben bin.» Er stürzt sich in die Aufgabe und bildet sich gezielt weiter. Unter seiner Ägide wächst «DeinDeal» von 25 auf bis zu 232 Mitarbeitende.

Kurz und bündig

Daniel Kern, Personalleiter bei Amorana.Freizügig oder verklemmt?
Verklemmt ginge gar nicht. Ich habe noch nie an einem Ort gearbeitet, an dem so oft die Wörter Penis oder anal gefallen sind, die Leute aber anständig und respektvoll miteinander umgehen. Freizügig darf man deshalb nicht mit vulgär verwechseln. Unsere Vision ist es, eine erfüllende und gesunde Sexualität zu propagieren. Dazu gehören Anstand und Respekt.

Fleisch oder Vegi?
Eher Vegi. Zwar esse ich sehr gerne Fleisch, aber nur alle zwei Monate und dann an ausgewählten Orten wie in der «Metzg» bei Küchenchefin Marlene Halter, die ausschliesslich Fleisch aus der Schweiz verarbeitet und das «Nose to Tail» – sprich das ganze Tier.

Verwalter oder Gestalter?
Vermutlich gehöre ich zu den weltschlechtesten Administratoren und Verwaltern – weil es mich nicht interessiert. Ich bin ein Gestalter und mag, wenn etwas ausserhalb des Plans läuft. Da blühe ich auf. Das ist auch der Grund, weshalb ich immer wieder für Start-ups tätig war und bin. Läuft es, gibt es Menschen, die den Betrieb besser verwalten als ich.

Hierarchie oder Holacracy?
Obschon wir die individuelle Verwirklichung verfolgen, bleibt der Mensch ein soziales Herdentier. Deshalb etabliert sich eine Hierarchie automatisch. Hinzu kommt, dass es auch im holokratischen Prozess immer einen Know-how-Leader gibt – fokussiert auf ein Projekt, eine Idee oder Initiative. Die Idee, dass alle gleich sind, funktioniert einfach nicht.

 

2015 verkaufen die Gründer das eCommerce-Unternehmen an ein Medienhaus. Daniel Kern kehrt als Coach und Berater in die Selbständigkeit zurück. «Nach zwei Jahren fehlte mir die Teamzugehörigkeit.» Wieder kommen ihm seine Beziehungen zu Hilfe. «Ein Freund fragte mich, ob ich nicht die beiden Amorana Start-up-Gründer Lukas und Alan unterstützen möchte. Ich überlegte nicht lange und sagte zu. Seither bin ich hier und es hat sich viel getan»: So wandelte sich das ehemalige Start-up mit vier Festangestellten und neun Praktikanten zu einer professionellen Organisation mit 38 Mitarbeitenden und zum Schweizer Marktführer.

Suche nach Fachkräften

Trotz steigender Arbeitsmarktattraktivität bleibt das Rekrutieren von Fachkräften für «HR-One-Man-Show» Daniel Kern eine Herausforderung. «Suche ich Spezialisten im Digitalbereich, fische ich im gleichen Becken wie Google, Zalando und Galaxus und mit deren Vergütungspaketen können wir nicht mithalten.» Mitarbeitende könnten sich indes bei Amorana weit mehr einbringen als bei den genannten Playern: «Sie bekommen bei uns einen grossen Spielplatz, um Ideen auszuprobieren. Dadurch fördern wir das unternehmerische Denken.» Um die richtigen Personen fürs Unternehmen zu finden, wendet der engagierte Personaler viel Zeit für die Direktansprache auf: «Ich kontaktiere Kandidatinnen und Kandidaten telefonisch oder über die sozialen Medien und nutze dafür mein breites digitales Netzwerk. Das ist Gold wert.»

Weniger Mühe bereitet dem 58-jährigen Personaler die Suche nach befristeten Mitarbeitenden in der Logistik im Warenlager in Glattbrugg. «Während der Winter-Hochsaison stocken wir unseren Mitarbeitendenpool im Warenlager während fünf Monate um bis zu zwölf Mitarbeitende auf», erklärt Daniel Kern. Stellen, die begehrt seien. «Schreibe ich eine solche aus, erhalte ich innert kürzester Zeit 50 bis 70 Bewerbungen.» Um diese im Alleingang zu bewältigen, setzt Kern auf das amerikanische HRM-Tool «BambooHR»: «Damit kann ich die meisten Recruiting-Prozesse automatisieren.» Daneben nutzt er ein Task-Management-Tool sowie ein Prozessmanagement-System, mit dem interne Arbeitsprozesse minutiös dokumentiert werden. Dass letzteres aktuell gehalten wird, verfolgt Kern mit wachem Auge: «Fällt jemand krankheits- oder unfallbedingt aus, sind dokumentierte Arbeitsprozesse für eine Stellvertretung das A und O.»

Chancen und Herausforderungen durch Corona

Bei Amorana läuft es so gut wie nie. «Unsere Umsätze explodierten während des ersten Lockdowns 2020 geradezu. So sehr, dass ich innert kürzester Zeit ein Dutzend Leute einstellen musste», erinnert sich Kern. Durch glückliche Umstände kann er auf Freunde und Bekannte in der Club- und Gastroszene zurückgreifen, die durch die Pandemie ihre Arbeit verloren haben. Nebst der personellen Situation beschäftigte das Unternehmen, die ­Lieferketten aufrechtzuerhalten. «Das ist nicht ganz einfach, da sich ein Grossteil unserer Produktion in Asien befindet. Der Einfallsreichtum der Mitarbeitenden hat uns aber gerettet», betont Kern. So nutzten diese unter anderem ihr Beziehungsnetz, um noch irgendwo in Europa verfügbare Restkapazitäten ausfindig zu machen und suchten für nicht mehr lieferbare Artikel kreative und machbare Alternativen.

Besser werden und wachsen, das hat sich Amorana auf die Fahne geschrieben. Dieser Anspruch führte 2021 dazu, dass sich das Schweizer Unternehmen mit dem britischen Traditionsunternehmen «Lovehoney» sowie dem deutschen «Womanizer»-Hersteller «Wow-Tech» zusammentat. «Nicht aus der Not heraus, sondern als Joint Forces», betont Kern. Damit hätten sich die drei stärksten Player auf dem Markt vereint. «Gemeinsam beschäftigen wir über 700 Mitarbeitende.» Die Vorteile dieser Initiative lägen auf der Hand: «Zum Team gehören auch ehemalige Lieferanten, weshalb sich die Konditionen für Käuferinnen und Käufer verbessern. Zudem steigt unsere Marktmacht signifikant.» Gleichzeitig müsse Amorana als Mitglied einer internationalen Gruppe ihre Marktstrategie abgleichen und neu ausrichten. Die Autonomie gebe man jedoch nicht auf: «Wir behalten ein grosses Mass an Selbstbestimmung.» In den nächsten zwei Jahren begleitet Kern deshalb zahlreiche Integrationsprojekte: von der Integration der verschiedenen IT-Systeme bis hin zum kulturellen Wandel auf Gruppenebene.

Dafür gibt Daniel Kern Vollgas. «Das werde ich auch, solange man mich braucht», sagt der 58-Jährige. Dass bei diesem intensiven Leben das Privatleben manchmal zu kurz kommt, ist ihm durchaus bewusst – und hat ihn auch schon eine Beziehung gekostet. «Zum Glück habe ich heute eine Partnerin, die genauso ein ‹Hansdampf in allen Gassen› ist, wie ich es bin. So funktioniert das wunderbar.» Man gönnt es ihm.

Amorana

Amorana ist ein Schweizer Onlineshop für ­Erotik, Toys und Selbstpflege. Gegründet wurde das Unternehmen 2014 von Lukas Speiser und Alain Frei, die ein Monatsabo mit Sextoys anbieten wollten. Anfänglich eher unbeholfen, kauften die beiden Produkte im nächstbesten Sexshop ein und versandten sie in einer Abobox. Die Idee der beiden ging jedoch auf: Ab 2015 nahm das Geschäft infolge der ersten Verfilmung von «Fifty Shades of Grey» Fahrt auf. Heute ist Amorana Teil der Lovehoney Group (Amorana, Wow-Tech und Lovehoney) und beschäftigt an den Standorten Wallisellen und Glattbrugg 38 Mitarbeitende. amorana.ch

 

Kommentieren0 KommentareHR Cosmos

Christine Bachmann ist stellvertretende Chefredaktorin von HR Today. cb@hrtoday.ch

Weitere Artikel von Christine Bachmann

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren