Porträt: Maryline Tissot – Le Creuset

HR als strategischer Rückhalt

Seit gut eineinhalb Jahren ist Maryline Tissot Chief HR Officer (CHRO) der Le Creuset-Gruppe. 
Im Gespräch erläutert sie ihre Begeisterung für Technologie und legt ihre Sicht auf die HR-Herausforderungen der Zukunft dar – offen, authentisch und direkt.

Maryline Tissot begeistert mit ihrer offenen und herzlichen Art, weiss aber auch klare Grenzen zu setzen. Wer eine Stunde mit ihr verbringt, hört von ihrer Leidenschaft für das HR und von prägenden Begegnungen auf ihrem berufli-chen Weg – und erlebt eine Frau, die offen sagt, wenn sie anderer Meinung ist. Sie lacht herzlich, spricht aber auch immer wieder über schwierigere Phasen in ihrem Leben. «Ich bin ziemlich direkt und gehe offen mit Dingen um. So fühlen sich andere wohler, weil sie merken, dass auch ich schwierige Zeiten durchlebt habe», erzählt sie.

Doch zunächst zu Le Creuset: Das Unternehmen ist bekannt für sein farbiges Kochgeschirr aus emailliertem Guss-eisen und beschäftigt weltweit rund 6000 Mitarbeitende. Die Geschichte des Familienunternehmens ist bemerkens-wert: Es wurde 1925 von zwei belgischen Unternehmern gegründet, revolutionierte mit einem innovativen industriel-len Verfahren die Herstellung von Gusseisen und eroberte mit den ikonischen Töpfen in Vulkanorange die Küchen weltweit. Nach den wirtschaftlichen Boomjahren geriet das Unternehmen jedoch in finanzielle Schwierigkeiten. Es war der britisch-südafrikanische Geschäftsmann Paul van Zuydam, der Le Creuset 1988 übernahm und aus der Krise führte.

Maryline Tissot im schwarzen Hemd steht an einem Kochfeld in einer hellen Küche. Sie blickt lächelnd in die Kamera und hält einen roten Le-Creuset-Deckel sowie einen roten Silikon-Spatel in den Händen. auf dem Kochfeld stehen weitere Bunte Töpfe und Pfannen der Marke.


Drei Jahre später kaufte der Patriarch das amerikanische Unternehmen Hallen International, das die Korkenzieher der Marke Screwpull vertreibt. In den 1990er-Jahren dehnte Le Creuset seine Präsenz auf mehr als 30 Länder aus und entwickelte sich zum Weltmarktführer. Gleichzeitig setzte das Unternehmen seine Innovationsstrategie konse-quent fort und brachte zahlreiche neue Kochgeschirrserien auf den Markt – darunter Produkte aus Steinzeug und Edelstahl sowie Wasserkessel aus emailliertem Stahl.

Zu ihrem Platz in der Firma sagt Maryline Tissot: «Ich bin direkt dem Eigentümer des Unternehmens unterstellt. Paul ist ein sehr zurückhaltender und bescheidener Mensch, dem seine Mitarbeitenden sehr am Herzen liegen.» Für das Gespräch empfängt sie uns am Hauptsitz der Unternehmensgruppe in Baar (ZG). Die Räumlichkeiten spiegeln die Philosophie des New Way of Working wider: Open Spaces, schallgedämmte Kabinen für vertrauliche Gespräche und Sitzungszimmer. An den Wänden sind die neusten Topfserien ausgestellt. «Diese Produkte sind noch nicht auf dem Markt – bitte machen Sie keine Fotos», sagt sie und führt uns weiter in Richtung Cafeteria.

Dem HR-Team den Rücken stärken


Am Tag unseres Gesprächs bereitet Maryline Tissot gerade eine Arbeitswoche mit ihrem globalen HR-Team in Barcelona vor. «Die wichtigste Aufgabe einer CHRO ist, dem eigenen Team den Rücken zu stärken. Im HR ist man oft als Einzelkämpfer unterwegs, der Druck ist hoch. Meine oberste Priorität ist es daher, ein sicheres Umfeld zu schaffen. Mein Team kann mich jederzeit anrufen, wenn es Unterstützung braucht.» Auf die Frage, was eine ideale CHRO ausmacht, antwortet sie: «Ich bin rund um die Uhr erreichbar und kenne alle persönlich.» Sich selbst be-zeichnet Tissot als «Löwin», die ihr Team beschützt, koste es, was es wolle. 

Sie setzt bewusst auf ein kleines Team, das gut zuhört, menschlich eng miteinander verbunden und technologisch versiert ist: Nicolas Patin (HRIS, Payroll und Benefits), Doreen Schwarz (Head of Talent Acquisition) und Donna Baines (Global HR Business Partner). Ihre zweite Priorität, sagt Tissot, sei es, «die Entwicklung der einzelnen Teammitglieder zu fördern und sie in der HR-Community sichtbar zu machen. Besonders stolz macht mich dabei, dass sie als die Besten in ihrem Fach gelten.»

Zitatgrafik: Die Fähigkeit, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, gehört heute zu den Kernkompetenzen einer CHRO.


Ihre erste Bilanz wird Maryline Tissot während ihrer Arbeitswoche in Barcelona ziehen. «Unsere HR-Strategie steht seit einem Jahr. Gleichzeitig passen wir sie laufend an die Gegebenheiten in den einzelnen Ländern an. Die Fähig-keit, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, gehört heute zu den Kernkompetenzen einer CHRO. Funktioniert unsere Strategie auch in Asien, Italien oder den USA? Diese Fragen müssen wir uns immer wieder neu stellen.»

Einführung eines neuen HRIS


Maryline Tissot berichtet ausserdem, dass derzeit ein neues HRIS (Human Resources Information System) für die gesamte Unternehmensgruppe eingeführt wird. «Wir haben uns für die Plattform HiBob entschieden» (von einem israelischen Unternehmen entwickelt, Anm. d. Red.), sagt sie. Sie verfügt über langjährige Erfahrung mit der welt-weiten Einführung von HRIS-Lösungen. 

«Ich glaube nicht an eine «One fits all»-Lösung. HiBob überzeugt durch seine Modernität und die einfache Anwendung im HR-Alltag. Die Plattform nutzt zudem intensiv KI und wird laufend um neue Funktionen erweitert.» Der Vertrag wurde im Oktober 2025 unterzeichnet, die ersten Tests fanden sechs Monate später statt. Der weltweite Rollout ist für Anfang 2027 geplant. «Alle HR-Verantwortlichen sollen das System ohne Unterstützung der IT nutzen können. Nur so lässt sich das Potenzial der Digitalisierung im HR wirklich aus-schöpfen. Wir müssen relevante Daten innerhalb weniger Sekunden auf unserem Smartphone abrufen können.»

Ganzkörperporträt von Maryline Tissot in weißem Tweed-Blazer, schwarzer Hose und Ankle Boots. Sie steht neben einer großen Ringleuchte auf einem Stativ vor einer dunkelvioletten Wand auf Terrazzoboden.



Neue Technologien faszinieren Tissot – insbesondere die Möglichkeiten, die KI-Lösungen heute bieten. Zum Einsatz von KI im HR sagt sie: «Diese Tools gehören in die Hände erfahrener Leute. Ich würde sie weder externen Consul-tants noch Juniorprofilen anvertrauen. Beide kennen weder das HR als Funktion noch die Organisation gut genug, um die Ergebnisse kritisch einordnen zu können. 

Gleichzeitig bietet KI eine grosse Chance, administrative HR-Aufgaben wie Lohnabrechnung, Benefits, Administration, Vertragswesen oder Reglemente zu vereinfachen.» Ihre Prognose für die Zukunft: «Die Tätigkeiten im HR werden deutlich attraktiver werden. Mich begeistert, welche Mög-lichkeiten diese KI-Tools eröffnen.»

Ratschläge für den HR-Nachwuchs


Welchen Rat hat Maryline Tissot für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger? «Bleiben Sie digital am Ball. Pro-bieren Sie neue Tools aus, lassen Sie sich Demos zeigen, nehmen Sie an Konferenzen teil und engagieren Sie sich in Online-Foren. Digitale Neugier ist heute entscheidend.» Auch ihr Netzwerk pflegt sie bewusst und trifft sich regel-mässig mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. «In diesen geschlossenen Kreisen kennen sich alle; so können die wirklich wichtigen Themen offen diskutiert werden.»

Nahaufnahme von Maryline Tissot, die mit Brille und rotem Lippenstift lächelnd an einer dunklen Arbeitsplatte sitzt und mit den Händen gestikuliert. Rechts neben ihr steht ein rosa Le-Creuset-Bräter auf dem Tisch.


Zweiter Rat: Verstehen, wie die Organisation funktioniert. «Versetzen Sie sich in die Lage von Führungskräften, von Managerinnen, von Produktionsmitarbeitenden. Es gibt Prozesse – und dann all das, was man nicht sieht. Wenn Sie die Linie wirklich unterstützen wollen, müssen Sie Lösungen anbieten, die den Arbeitsalltag der Menschen tatsächlich verbessern. Wer im HR erfolgreich ist, interessiert sich für die Bedürfnisse anderer und weiss, wie man gut zusam-menarbeitet. Es bringt nichts, schweres Geschütz aufzufahren, wenn Sie nicht verstehen, was das Business wirklich braucht.»

Verantwortung übernehmen


HR-Verantwortliche müssen den Puls des Unternehmens fühlen. «Was passiert in den Abteilungen? Genau dafür bezahlt mich Paul (van Zuydam). Er vertritt humanistische Werte und das Wohl seiner Mitarbeitenden liegt ihm sehr am Herzen.» Dafür setzt sie auf Pulse Surveys – kurze Online-Befragungen – und legt grossen Wert auf den per-sönlichen Austausch, ob vor Ort oder am Telefon. «Wer die Menschen wirklich kennenlernen will, muss zu ihnen gehen oder zum Hörer greifen. Ich glaube fest an Transparenz. Eine gute Führungskraft muss Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und wissen, wie es ihren Mitarbeitenden geht. Diese Verantwortung liegt in erster Linie bei den Führungskräften und der Unternehmensleitung – HR unterstützt sie dabei.»

Zitatgrafik: Ich musste schon früh Verantwortung übernehmen.


Maryline Tissots direkte Art kommt nicht von ungefähr. Tissot wird 1979 in Annecy geboren und wächst bei ihren Eltern und Grosseltern auf – in der Nähe der Berge und der Natur. Als sie 25 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an einem Herzinfarkt. «Ich musste schon früh Verantwortung übernehmen.» Sport spielte schon immer eine wichtige Rolle in ihrem Leben. 

Die begeisterte Skitourengeherin und Turnerin erinnert sich daran, wie sie morgens um fünf Uhr mit Stirnlampe ihrem Vater auf die Gipfel folgte. Nach der Matura mit Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften und einem Vorbereitungsjahr für die HEC Paris studiert sie Politikwissenschaften in Genf. Die Stadt gefällt ihr auf An-hieb; sie beginnt, sich ein Netzwerk aufzubauen. Nach ihrem Masterabschluss heuert sie bei Caterpillar an. Der damalige HR-Chef Howard Gibson holt sie an Bord; sie soll das Unternehmen an verschiedenen Universitäten prä-sentieren.

Tabak, Bankwesen und Kosmetik


Nach Caterpillar führt ihr Weg sie zu Japan Tobacco International in Champel (Genf). Dort arbeitet Tissot als HR Businesspartnerin und begleitet die Integration von RJ Reynolds in den japanischen Konzern. Sie bleibt sieben Jahre. In dieser Zeit wird sie Mutter, sammelt wertvolle Erfahrungen. Als nächste Station wartet die J.P. Morgan Private Bank auf sie; Tissot wird von der damaligen HR-Leiterin Claire Hoang rekrutiert. Als HR Vice President ist sie dort für Europa und den Nahen Osten verantwortlich und lernt dabei die regulatorischen Herausforderungen des Ban-kensektors kennen. 

Der nächste Karriereschritt erweist sich als schwieriger. Bei Elizabeth Arden, einem Kosmetik-konzern, steigt sie als HR Director ein; doch das Unternehmen befindet sich in Schieflage, ist gerade dabei, vom amerikanischen Konzern Revlon Consumer Products übernommen zu werden. Es folgt eine belastende Zeit, in der sie kürzertreten muss. «Körperlich war ich am Boden, ich erlitt eine vollständige Lähmung der linken Gesichtshälfte. Das kostete mich drei Monate Reha!»

Infografik auf gelbem Hintergrund mit dem Namen „MARYLINE TISSOT“ in großen schwarzen Großbuchstaben. Auf der linken Seite sind ihre Karrierestationen von 2003 bis heute aufgelistet (u. a. Aktuell: CHRO bei Le Creuset, 2019: Global HR VP bei La Prairie Group, 2016: HR VP bei Coty). Auf der rechten Seite sitzt eine Frau mit Brille und hellem Blazer im Schwarz-Weiß-Porträt an einem Tisch, auf dem rechts ein weißer Schmortopf steht. Unten rechts befindet sich das Logo von „HR Today“.


Wieder vollständig genesen und mit einem Lächeln im Gesicht setzt sie ihre Karriere bei Coty fort, ei-nem weltweit führenden Parfümhersteller. Sie wird eingestellt, um die Fusion mit dem Geschäftsbe-reich Special Beauty von Procter & Gamble zu begleiten. Über Nacht wächst Coty von 200 auf 1000 Mitarbeitende. «Wir mussten den gesamten HR- und IT-Bereich aufbauen. Gleichzeitig arbeiteten wir intensiv an der Unternehmenskultur.» 2019 schliesslich wechselt sie von Genf nach Zürich und wird Chief HR Officer bei der Luxus-Kosmetikmarke La Prairie, wo sie eine HR-Abteilung aufbaut und den Umbau der Geschäftsleitung begleitet. Gleichzeitig lernt sie die Retail-Branche kennen. Wahrscheinlich waren es genau diese Erfahrungen aus unterschiedlichen Branchen, die Paul van Zuydam überzeugt haben. 

Heute steht die Mutter zweier Söhne im Alter von 15 und 19 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. «Ich habe meinen Platz gefunden. Meine Arbeit begeistert mich, und mit dem Aufkommen der KI sehe ich grosse Chancen für das HR.»

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Marc Benninger ist Chefredaktor der französischen Ausgabe von HR Today.

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