12. Ostschweizer Personaltag in St. Gallen

Mehr Whiskas-Werbung für Jobs

Das Personalwesen gehöre ins Marketing, die digitale Eruption sei längst Tatsache und die nächste Generation habe keine Büros mehr. Der Ostschweizer Personaltag inspirierte am 9. Juni 2016 mit ungewohnten Ideen und smarten neuen Arbeitskulturen und -formen.

Karin Egle, Präsidentin Freie Erfa-Gruppe Personal Ostschweiz, eröffnete die Fachtagung vor knapp 300 Teilnehmern und begrüsste als neuen Moderator Marco Fritsche. In frischem Appenzeller-Dialekt gab er die Bühne der ehemaligen Lernenden der Swisscom, Bianca, und Petra Schmidhalter, Co-Leaderin von WorkSmart. Beide führten die Teilnehmer auf eine Reise der grenzenlosen Zusammenarbeit. Ziel von WorkSmart sei es, Menschen zu verbinden, Wissen zu teilen und voneinander zu lernen. Heute sind diesem Projekt über 70 Unternehmen angeschlossen und über 55‘000 profitieren von flexiblem, ortsunabhängigen Arbeitsformen.

Vertrauen verdrängt Kontrolle

All dies basiert auf einer Webplattform, für die man einzig einen Browser benötige um in die neue Arbeitswelt eintreten zu können und Wissen zu teilen. Man müsse aber, so Schmidhalter, vom Sprichwort «Wissen ist Macht» Abschied nehmen. Gezielt geteiltes Wissen ermögliche, neue Lösungen zu finden und sei auch für die Work-Life-Balance zuträglich. Durch WorkSmart werde in der Organisation Kontrolle durch Vertrauen verdrängt. In der Zukunft, so die beiden Swisscom-Referentinnen, werde man mit Augmented Reality und Virtual Reality in eine komplett neue Welt eintreten.

Whiskas-Werbung für Jobs

Jörg Buckmann führte dann zurück in die harte Gegenwart des HR, wo der Hälfte der Firmen geeignete Fachkräfte fehlen. Sicherheit und Medienkompetenz seien die zwei weiteren Fragezeichen und Herausforderungen des HR. Mit fünf Regeln versuchte Buckmann aufzuzeigen, wie sich das HR aus einer gewissen Umklammerung lösen könne: Regeln brechen, zielgruppenorientiertes Denken, neue Ideen für gute Führung, offene Kommunikation und neue Vermarktungs-Ideen für Jobs. Zudem müssten alle Social-Media Kanäle professionell bespielt und Job-Werbung emotional gestaltet werden. Whiskas-Werbung für Jobs, sozusagen. Humorvolle Personalwerbung sei nicht nur lustig, sondern bewirke auch etwas. Buckmann zeigte dies am Beispiel der Personal-Werbung der Verkehrsbetriebe Hannover, die Tramfahrerinnen suchen und mit Männern mit Röcken werben.

Radikale Transparenz schaffen

Auch Anja Förster propagierte, im HR andere Wege zu gehen, damit man das volle menschliche Potenzial nutzen könne. Neben Intelligenz, Sorgfalt und Gehorsam müsse der zukünftige Mitarbeitende vor allem Initiative, Kreativität und Leidenschaft mitbringen. Personaler, so Förster, sollten vor allem letztere drei Eigenschaften bei Bewerbern suchen und bei Mitarbeitenden fördern. Unternehmen müssen eine Kultur, einen Nährboden schaffen, in und auf der diese Eigenschaften, die nicht lernbar seien, gedeihen können. Dies heisse, Reglemente sowie Vorschriften abzuschaffen, virtuelle „Zäune“ intern abzubauen und möglichst radikale Transparenz im Unternehmen schaffen. Als Vorleistung dazu gehören aber Freiraum und Vertrauen.

Industrie 4.0 und HR

Gemäss Professor Sibylle Olbert-Bock, Fachhochschule St. Gallen, ist die Digitalisierung für das HR einem Tsunami gleichzusetzen. Die Debatte sei bisher sehr technisch ausgerichtet. Digitalisierung gelinge jedoch nur, wenn man früh sich darauf ausrichte und Organisation sowie technische Produktionsabläufe immer wieder hinterfrage, erneuere und der Zeit anpasse: Stetige Entwicklung und Erweiterung der spezifischen fachlichen Kompetenz. Olbert-Bock empfiehlt, die „Digital Natives“ im Unternehmen zu binden, vernetzt zu handeln, intelligente Technik zu nutzen und nicht davon abhängig zu werden. Das, was andere als Unausweichlich darstellen, solle hinterfragt werden und ermögliche dadurch, alternative Vorstellungen zu entwickeln. Zu entscheiden, was wir wollen und was wir nicht wollen, so Olbert-Bock, zeichne den Menschen gerade gegenüber Maschinen aus. In der digitalen Welt des HR müsse ein «Dreiklang» von Strategie, Technik und Mensch gleichberechtigt nebeneinander laufen, müsse es eine Neudefinition von „Belegschaft“ geben. Personalmanagement sei mehr denn je gefordert und dafür bedürfe es eines Dialogs im Unternehmen auf allen Stufen.

Menschliche Qualität ging verloren

Die Referate waren zum Teil sehr spritzig formuliert und vorgetragen – auch der von Patrick D. Cowden, Autor, Unternehmer und Abschluss-Referent. In den letzten zehn Jahren, so Cowden, wollte man immer nur maximieren, rationalisieren, optimieren. Dies habe dazu geführt, dass wir müde wurden und die Jungen darauf keinen Bock mehr haben. Auf diesem Weg sei einiges verloren gegangen - vor allem die menschliche Qualität, Respekt, Vertrauen. Dies sei aber genau die Basis des Erfolges. In Teams, in denen es diese Qualität gäbe, sei auch der Erfolg vorhanden.

Aktiviere man die «humane Güte», werde aus dem Miteinander ein Füreinander. Das Fundament dieses Füreinander sei der gesunde Menschenverstand, der in jedem stecke. Nach ihm müssen Führungskräfte gerade im digitalen Zeitalter menschlich, gefühlvoll und verständnisvoll mit ihren Angestellten umgehen. Sämtliche Unternehmensdisziplinen wie Strategie, Struktur, Verkauf, Operations, Innovationen müssen auf den Menschen ausgereichtet werden. In einer dreiminütigen Übung zeigte Cowden abschliessend auf, wie Menschen zueinander finden: Jeder Teilnehmer musste sich mit einem anderen, ihm unbekannten Teilnehmer austauschen und seine Aufmerksamkeit gewinnen. Diese Qualität der Aufmerksamkeit bringe Menschen zusammen und bringe Teams in Höchstform. Das Schlusswort einer gelungenen, qualitativ hochstehenden Tagung übernahm der Rektor der Fachhochschule St. Gallen, Sebastian Wörwag.

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Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

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