HR Today Nr. 3/2022: Im Gespräch

«Mit Zuckerbrot und Peitsche, aber vegan»

Um Harald Schmidt ist es seit dem Ende seiner TV-Show ruhiger geworden. Fern des Rampenlichts ist der Witze-­Conférencier jedoch noch lange nicht. Was ihn aus seinem Unruhestand holt, was er über die heutige Arbeitswelt denkt und wie es um seine Führungsqualitäten steht, erzählt er uns in der Hotelbar des La Réserve Eden au Lac in Zürich.

Sie befinden sich in der privilegierten Lage, Angebote anzunehmen oder abzulehnen, wie es Ihnen beliebt. Haben Sie sich eigentlich jemals auf eine Stelle beworben?

Harald Schmidt: Ja. Allerdings hat es nie funktioniert. Als ich nach meinem ersten Engagement am Staatstheater Augsburg als Schauspieler weiterziehen wollte, bewarb ich mich bei 50 Theatern und bekam keine einzige Rückmeldung. Auch die weiteren Versuche waren wenig erfolgreich. Bei mir lief es beruflich erst, als ich mich nicht mehr bewerben musste.

Wie erklären Sie sich das?

Die meisten Menschen interessieren sich erst für dich, wenn es ohnehin schon läuft. Das ist der klassische Teufelskreis. Um in erste TV-Shows zu gelangen, musste ich anfänglich massiv Türen eintreten und Leuten auf den Keks gehen. Die ersten sieben bis acht Jahre waren sehr zäh. Es hiess, durchzuhalten und bescheiden zu leben. Aber ich wusste, dass es irgendwann funktionieren würde, weil ich die Leute zum Lachen bringen kann.

Humor ist Ihr Kerngeschäft. In der Arbeitswelt sind wir aber oft sehr ernst. Bleibt bei der Arbeit (k)ein Platz für Humor?

Wenig. Die meisten Menschen stehen unter enormem Druck. Es gibt doch tatsächlich Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden per Ampelsystem aufzeigen, wie es um ihre Performance steht. Da denke ich manchmal: Glück gehabt, dass ich mein Arbeitsleben im Kasperletheater verbringen durfte, wo die Frage «Seid Ihr alle da?» schon die halbe Miete war. Vielleicht hatte ich aber auch das Privileg, dass ich schon als 15-Jähriger wusste, was ich machen wollte, und alles daransetzte, es auch zu tun.

Was bringt Sie heute noch zum Lachen?

Nachrichten. Beispielsweise jene, dass Boris Johnson mit einer Torte überfallen wurde. So etwas gefällt mir wahnsinnig gut. Oder Aussagen im Raiffeisen-Prozess: «Wir waren im Striplokal, weil es dort um 22 Uhr noch was zu essen gibt.» Das ist schon grossartiges Entertainment. Comedy-Sendungen schaue ich mir dagegen praktisch nie an. Die sind mir zu träge. Bis eine Sendung live geht, ist das Thema meist gegessen.

Die Arbeitswelt verändert sich, New Work, digitaler Wandel, KI. Wie nehmen Sie die Arbeitswelt wahr?

Ich finde diesen Wandel unglaublich spannend. Als ich mein Studio aufgab, verbrachte ich zwei Jahre in einem Coworking-Space. Da wurde mir klar: Die klassische Arbeitswelt mit eigenem Büro und verschliessbarer Tür ist langsam vorbei. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die klassische Arbeitswelt wirklich ausgedient hat oder ob das nur behauptet wird. Also Vorgesetzte nur so tun, als würden sie im Coworking-Space an der Kaffeelounge Vorschläge entgegennehmen, die sie dann selbstredend nicht umsetzen.

Wandel zeigt sich auch durch die politische Korrektheit in der Arbeitswelt: Gleichstellung, Anti-Diskriminierung. Von Ihnen weiss man: Sie sind Herr des politisch Unkorrekten. Sind wir zu korrekt?

Ja, aber darüber zu jammern, bringt nichts. Man muss lernen, damit umzugehen. Früher hätte ich beispielsweise gesagt «Guten Abend meine Damen und Herren», heute würde ich sagen «Guten Abend, liebe Menschen». Inzwischen macht es mir Spass, diese Gaga-Vorschriften in meine Programme einzubauen. Manchmal frage ich mich jedoch, wie viel Prozent der Produktivität verloren gehen mit der Behandlung von Themen wie: «Haben wir genügend Toiletten für alle Diversen?» Aber sich in Diskussionen darüber zu begeben, ist sinnlos, weil man nicht gewinnen kann. Da muss man sich einfach an den grossen Feldherren orientieren: Man sollte nur Schlachten führen, die man auch gewinnen kann.

Was für ein Chef waren Sie?

Einer, der wahnsinnig gut delegieren konnte, weil ich gewisse Dinge bis heute nicht kann: beispielsweise Bilanzen lesen. Also brauchte ich zwei bis drei Leute, denen ich blind vertrauen konnte. Das hat immer super funktioniert. Meine Mitarbeitenden wussten, dass nichts schiefgehen darf und sie keinen einzigen Euro halblegal verbuchen dürfen. Haut man jeden Abend den Leuten auf die Mütze, darf man dem Boulevard keine Chance geben, sich selbst irgendetwas zuschulden kommen zu lassen. Das lohnt sich nicht.

Vertrauen in die Mitarbeitenden haben, loslassen können, das sind Top-Führungsqualitäten.

Das tat ich aber alles instinktiv. Zudem hatten wir schon damals gleitende Arbeitszeiten und Top-Positionen mit Frauen besetzt. Aber nicht, weil ich es divers haben wollte, sondern weil die weiblichen Mitarbeitenden noch härter zulangen konnten als die Männer und den Laden am Laufen hielten. Als Führungskraft habe ich allerdings auch festgestellt, dass vieles schnell als Standard angesehen wird, wenn man zu locker ist. So hatte ich neue Mitarbeitende, die bereits mit zwei Wochen Ferien starten wollten. Da muss man subtil eingreifen.

Wie funktioniert das?

Mit der guten alten Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, heute allerdings vegan und mit Anreizen angereichert.

… und ernsthaft?

Motivation ist unglaublich wichtig. Wenn ich am frühen Morgen hereinkam und einem Mitarbeitenden mit einem Daumen-hoch signalisierte, dass er am Abend davor einen grossartigen Job gemacht hatte, leistete er danach das Dreifache. Ich habe diese Art der subtilen Motivation lange nicht verstanden, weil ich dachte, die müssen doch wissen, dass ich sie schätze. Nein, man muss es den Menschen sagen – und natürlich auch ab und zu ihre Eitelkeit befriedigen. Beispielsweise wollten einmal alle Visitenkarten haben. Wir liessen dann welche in Postkartengrösse drucken und schrieben irgendwelche fantastischen Titel drauf. Das war ein ungeheurer Motivationsschub und der Kostenpunkt war nicht der Rede wert. Dinge, die menschliche Gefühle auslösen, sollte man im Arbeitsalltag nicht unterschätzen.

Zusammengefasst braucht es also Anerkennungen, Motivation … 

… und gleichzeitig die subtile unterschwellige Vermittlung: Ihr Lieben, ihr wisst aber auch, dass ich hinten Augen habe und Dinge mitbekomme, auch wenn ich nichts sage oder gerade nicht darauf reagiere.

Seit Juni 2021 moderieren Sie den Podcast «Raus aus der Depression». Wie kommt ein vordergründig heiterer Zyniker wie Sie dazu, ein so ernstes Format zu begleiten?

Ich bin seit zwölf Jahren Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und als man den Podcast an mich herangetragen hatte, reizte mich das sofort. Gerade aufgrund des Überraschungseffekts: Wie kommt der Witze-Conférencier dazu, so etwas zu begleiten?

Psychische Probleme nehmen in der Arbeitswelt zu – besonders seit der Pandemie. Waren solche Erkrankungen während Ihrer Bühnen- und Fernsehzeit ein Thema?

Krankheit am Arbeitsplatz gab es bei mir und meinem Umfeld damals praktisch nicht. Überhaupt: In meinem Job ist man nie krank, das verbietet das Ethos. Entweder man ist tot oder man spielt. Nur schon, um später anekdotisch darüber berichten zu können, wie man sich noch mit letzter Kraft auf die Bühne geschleppt hat.

In Kürze kann man Sie auch wieder am Bildschirm sehen, als Stand-up-Coach bei der neuen Comedy-Show «One Mic Stand». Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Dass ich meine langjährige Erfahrung weitergeben kann. Ich weiss, was es auf der Bühne braucht, um selbstsicher und souverän aufzutreten – selbst, wenn nur drei Leuten im Publikum sitzen, keiner zuhört oder Menschen gar aufstehen und gehen. Das kann ich, so glaube ich zumindest, ganz gut vermitteln.

Harald Schmidt

... ist ein deutscher Schauspieler, Kabarettist, Entertainer, Kolumnist, Schriftsteller und Fernsehmoderator. Bekannt wurde er durch verschiedene Late-Night-Shows, die er zwischen 1995 und 2014 präsentierte. Aktuell moderiert er den Podcast «Raus aus der Depression», coacht Nachwuchs-Comedians in der Sendung «One Mic Stand» auf Amazon Prime und widmet sich Angeboten, die ihn gerade reizen.

 

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Christine Bachmann ist stellvertretende Chefredaktorin von HR Today. cb@hrtoday.ch

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