Adventsserie 2019 – Collaboration matters: Beitrag 10

Mut zu mehr Kollaboration in der Schweiz

Kollaborative Kompetenz ist auch ein Thema für Schweizer Unternehmen. digitalswitzerland ist eine schweizweite Multi-Stakeholder-Initiative, die aus der gemeinsamen Vision ihrer über 150 Mitglieder entstand, um die Position der Schweiz als führende Innovationsdrehscheibe zu stärken. Im Interview mit dem Geschäftsführer Nicolas Bürer diskutieren wir darüber, was die Schweizer Wirtschaft braucht, um kollaborativer zu werden. Danach werden als Abschluss dieser Serie 10 Trends zu Collaboration vorgestellt, die als Anregung und Orientierung für 2020 dienen sollen.

Herr Bürer, wie gut sind wir in der Schweiz darin, wenn es darum geht, in vernetzten, virtuellen Arbeitskontexten zu arbeiten?

Nicolas Bürer: Wir haben in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht. Es gibt zahlreichen Initiativen, die neu entstanden sind. Diese animieren die Marktteilnehmenden zu mehr Kollaboration und fördern die Vernetzung untereinander. Ob Schweizer*innen aber in virtuellen Kontexten besser oder weniger gut als ihre europäischen Nachbarn arbeiten, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle müssen wir uns in gewissen Themen verbessern, z.B.:

  • Mehr Mut zu grösseren industrieübergreifenden Kollaborationen, die substanzielle Investments fordern und
  • engere Kollaborationen zwischen Schweizer Grossfirmen und Schweizer Start-ups (inkl. Übernahmen).

Welche Bedeutung wird die kollaborative, virtuelle Zusammenarbeit künftig für die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen haben?

Kollaboration ist in dieser disruptiven und globalen digitalen Transformation einer der matchentscheidenden Faktoren. Einerseits geht es darum, gegen «Disruptions» (marktverändernde Faktoren) zu bestehen und zwar vor allem gegen Umsatz- und Marktanteilsrückgang; andererseits werden Kollaborationen neue Opportunitäten und neue Business-Modelle ermöglichen. Das Silo-Mindset ist vorbei, vor allem transversale Kollaborationen werden in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

Ich bin auch gespannt, wie viele Wirtschafts- und Verwaltungskooperationen zum Beispiel im Bereich Smart City, gestartet werden. Ich bin überzeugt, dass die erfolgreichsten «Smart Cities» der Zukunft diejenigen sein werden, wo Stadtverwaltung und Wirtschaftsteilnehmende am engsten und agilsten zusammenarbeiten.

Was tut digitalswitzerland, um die kollaborative Kompetenz zu födern?

Vor allem mit dem Programm «Verticals/Challenges» und mit Bootcamps. Die «Verticals/Challenges» sind transversale Arbeitsgruppen mit mehreren Partnern, die kollaborativ neue Projekte umsetzen wollen. Es ist sehr spannend zu sehen, was da alles passiert und welche unerwarteten Allianzen entstehen. Das viele davon scheitern, ist zwar hart, aber normal. In den Bootcamps vernetzten wir Grossfirmen mit Start-ups, um die Zusammenarbeit zwischen ihnen zu fördern.

Und schliesslich fördern wir Kollaboration auch ganz konkret beim Schweizer Digitaltag. 2019 waren mehr als 90 aktive Partner dabei, die vieles gemeinsam initiiert und erlebt haben.

Welche Unternehmen wären auf Platz 1-3, wenn es darum ginge, den Schweizer Preis für «Best of Collaboration» zu vergeben?

Ich finde die Medienfirmen (Tamedia, NZZ, AZ und Ringier) verfolgen derzeit spannende Kollaborationsansätze, was für sie auch überlebenswichtig ist. Mir gefällt zudem das kollaborative Mindset der beiden technischen Hochschulen EPFL und ETH im Bereich verschiedener «Innovation Labs». Schliesslich stelle ich fest, dass sich viele Firmen derzeit bemühen, mehr in den Bereich Kollaboration zu investieren: Bühler oder AMAG sind zwei Beispiele, die bei der digitalen Zusammenarbeit schon weit sind. Ich bin gespannt auf die nächsten Jahre und welche Firmen sich diesbezüglich am deutlichsten differenzieren werden.

«Kollaboration ist in dieser disruptiven und globalen digitalen Transformation einer der matchentscheidenden Faktoren.»
Nicolas Bürer, digitalswitzerland

Trends und Ausblick

Abschliessend und im Sinne einer Zusammenfassung oder als kompakte Checkliste, finden sich nachfolgend 10 Trends zu «Collaboration» aus strategischer, kompetenzorientierter und technologischer Perspektive: 

1. Kollaborativer Mindset als Voraussetzung für Führung:

Führungspersonen müssen ein Verständnis für die Bedeutung von digitaler und analoger Zusammenarbeit und über konkrete Erfahrungen verfügen. So kann innerhalb eines Unternehmens transversal kollaboriert und die kollaborativen Vernetzung mit Kunden und anderen Anspruchsgruppen ausgebaut werden.

2. Kollaborative Kompetenzen werden zu Schlüsselqualifikationen:

Kollaboratives Handeln – vor allem im virtuellen Kontext – muss eingeübt, geschult und reflektiert werden. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Mitarbeitenden dies einfach können.

3. Collaboration findet entlang der Wertschöpfungskette statt:

Ein paar Stichworte sind Crowd Reserch, Open Innovation, Crowdfunding, Social Hiring, Crowdbased Manufacturing bis hin zu Community Marketing. Sie zeigen auf, dass Wertschöpfung in Zukunft zusammen mit den verschiedenen Anspruchsgruppen eines Unternehmens erbracht wird.

4. Blockchain wird Basis neuer Collaboration-Modelle:

Da die Blockchain einen manipulationssicheren Nachweis von Transaktionen liefert, kann sie Daten über Vereinbarungen speichern, die die Unternehmen untereinander getroffen haben. Die Durchführung dieser Vereinbarungen kann automatisiert und so beschleunigt werden.

5. Digital Collaboration wird ergänzt durch face-to-face-Collaboration:

Eine Zunahme digitaler Zusammenarbeit fördert das Bedürfnis nach direktem face-to-face-Kontakt. In einer digitalen Arbeitswelt haben Qualität und Gestaltung von Veranstaltungen und Arbeiten in Kopräsenz eine ganz neue und wichtige Bedeutung.

6. Huddle Rooms und OpenSpace ersetzen das Grossraumbüro:

Wer viel unterwegs ist und in verschiedenen Teamzusammensetzungen arbeitet, braucht kein Grossraumbüro. Kleine, technische gut ausgestattete «Huddle Rooms», die Teamarbeit unterstützen und OpenSpace-Flächen für Grossgruppenaktivitäten sind die ideale Kombination für kollaborative Unternehmen.

7. Collaboration Software – grosse Anbieter dominieren, kleine ergänzen:

«Teams» von Microsoft, «Confluence» und «Jira» von Atlassian oder auch SAP-Tools werden standardmässig eingeführt und dienen als Basis der vernetzten Zusammenarbeit. Viele Apps und innovative Tools für agile Zusammenarbeit ergänzen dieses Portfolio.

8. Digitalisierung fördert flexible «Flash Organisations»:

Globale Vernetzung und lokale Verfügbarkeiten machen es möglich, dass Unternehmen für ganz spezifische Projekte, Teams zusammenstellen, die aus internen und externen Spezialisten bestehen. Diese setzen ein Projekt um und lösen sich dann wieder auf.

9. VR, AR und 3D-Welten ermöglichen Visual Collaboration:

Die Konstruktion und das Testen neuer Produkte, Räume, Molekülverbindungen, Fahrplankonstellationen etc. werden die visuelle Zusammenarbeit in 3D-Umgebungen erheblich erleichtert und in vielen Bereich überhaupt erst möglich machen.

10. Menschen lernen mit KI-basierten Systemen zu kollaborieren:

«Schon in absehbarer Zeit unterstützen viele kleine und flexible KI-Dienste tägliche Abläufe. Zum Beispiel tragen sie Aufgaben und Termine aus E-Mails in entsprechende Aufgabenlisten und Kalender ein. Sie übersetzen gesprochene und geschriebene Sprache oder protokollieren in Audio-Konferenzen das Gesagte mit.» (Computerwelt.at 2019). Die smarte Zusammenarbeit zwischen menschlicher und algorithmischer Intelligenz wird an Bedeutung gewinnen und potenziert die eigenen Möglichkeiten.

Mit diesen Trends schliesst die Serie «Collaboratin matters!». Ich hoffe, Sie konnten die eine oder andere Anregung aufnehmen und setzen das Thema Collaboration auf Ihre berufliche und private to-do-Liste fürs nächste Jahr. Ich wünsche Ihnen viel Inspiration und Erfolg dabei.

Checkliste: Collaboration Trends

  1. Kollaborativer Mindset als Voraussetzung für Führung
  2. Kollaborative Kompetenzen werden zu Schlüsselqualifikationen.
  3. Collaboration findet entlang der Wertschöpfungskette statt.
  4. Blockchain wird Basis neuer Collaboration-Modelle.
  5. Digital Collaboration wird ergänzt durch face-to-face Collaboration.
  6. Huddle Rooms und OpenSpace ersetzen das Grossraumbüro.
  7. Collaboration Software – grosse Anbieter dominieren, kleine ergänzen.
  8. Digitalisierung fördert flexible «Flash Organisations».
  9. VR, AR und 3D-Welten ermöglichen Visual Collaboration.
  10. Menschen lernen mit KI-basierten Systemen zu kollaborieren.

 

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Foto von Daniel Stoller-Schai.

Daniel Stoller-Schai ist durch seine mehrjährigen Praxis davon überzeugt, dass Kollaboration der Schlüssel zum Erfolg in Netzwerkorganisationen ist. Die Strategien, Methoden und Kompetenzen dazu, entwickelt er als Change Companion der Firma Collaboration Design zusammen mit seinen Kunden. Als Manager für digitale Lern- und Arbeitstechnologien hat er bei Phonak, UBS, CREALOGIX sowie in weiteren Firmen und Startups Kundenprojekte umgesetzt und Erfahrungen mit dem globalen Einsatz internetgestützter Lern- und Arbeitsprojekten gesammelt. Diese Erfahrungen gibt er auch als Programmleiter am Institut für Kommunikation & Führung, Luzern und als Head Advisory Board der LEARNING INNOVATION Conference weiter.

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