P.S.: Sinnstiftende Arbeit?
In seinem letzten Brief fragte David Bausch: Müssten wir die Unsicherheit und die Veränderung in der Arbeitswelt nicht zum Normalzustand erklären? Robin Adrien Schwarz antwortet: Das ist für die meisten bereits Normalzustand – und manchmal existenziell bedrohend. Bedeutet der Drang nach Sinnstiftung, dass er fehlt?

Was bedeutet es, dass die Arbeitswelt Sinnstiftung immer wieder zentriert? (Bilder: Laura Macias, David Bausch, rs)
Lieber David
Danke für das Kompliment! Ich habe irgendwann mal bemerkt, dass ich nicht so schreiben muss, wie es die Schule von mir verlangt (das war schlimm für mich!) und habe mir eine eigene Schrift gegeben, die mir leichter von der Hand geht. Das mit Precht – na, wie wir in der Schweiz sagen: Wir haben das Heu nicht auf derselben Bühne – aber ja, die Haare, haha!

Nun habe ich aber bereits ein erstes ernstes Problem mit unserem Briefwechsel! Ich möchte auf 1000 Dinge Bezug nehmen, von denen du schreibst! Aber so wenig Platz, argh!
Vielleicht kann ich aber damit beginnen und manches abkürzen: Kritik soll keine Verbesserung verunmöglichen, sondern die richtigen Wege eröffnen, indem wir die Holzwege identifizieren! Was war, muss nicht sein, was werden wird. Was du über Sinn und Mehrwert schreibst, leuchtet mir als wirtschaftliches Problem ein – hat aber auch direkt mit deiner Anschlussfrage zu tun: Wenn immer die Rede von Sinn ist – und bei Mitarbeitenden und gerade jungen Bewerbenden offenbar gar die Sehnsucht: Bedeutet das nicht, dass dieser Sinn zumindest in der individuellen Empfindung nicht existiert? Und wenn ja: Warum?
Mich wundert das in vielerlei Hinsicht nicht. Als Angestellte:r bist du austauschbar, du erhältst den Mehrwert, den du schaffst, nicht, sondern generierst Kapital für jemand Andern, arbeitest für jemand Andern, indem du deine Lebenszeit verkaufst – und nicht nur darum hat man oft einen doch eher fantasierten statt einen echten Anteil am Produkt.

Und wenn dann sogar dein Herzblut, dein tägliches Leid, dein tägliches Glück, deine eigenen Wege, Methoden, Leistungen etc. entweder für irrelevant oder nicht valide erklärt werden und deine sehr reale Welt, in der du jeden Tag lebst, deine sehr reale Lebenszeit in die KPI-Dimension abstrahiert werden – na, wie soll man da auch echten Sinn fühlen? Allison Pugh, eine Soziologin, berichtet in ihrem Buch «The Last Human Job», dass sogar Sterbebegleitung mit KPI bewertet werden.
Eine mir nahestehende Person, die in der Pflege arbeitet, beklagt ebenfalls immer mehr Entfremdung vom und immer weniger Zeit für den Menschen. Und hat man dann doch mal Zeit, soll dieser Moment, in dem wir dann den Sinn unseres Jobs empfinden, plötzlich als eine Art Lohn und Ausgleich für die Alltagsmühe empfunden und akzeptiert werden? Ich glaube, es kann nicht die einzige Frage (oder Sinnstiftung?!) sein, wie man Mitarbeitende besser in eine Wertschöpfungskette integriert.

Fragst du 10 Leute auf der Strasse, ob ihnen Wertschöpfung Sinn gibt – naja! Das Problem ist daher für mich auch nicht einfach, dass wir Mühe mit Veränderung oder Unsicherheit an sich haben, sondern was für Veränderungen das sind und was der Inhalt der Unsicherheit ist. Für 99 % der Menschen heisst das etwas Konkretes für die Weise, wie sie jeden Tag bestreiten – und was das mit ihrem Blick in die Zukunft macht. (Dein Gedanke mit der präzisen Unsicherheit ist sehr clever! Das zeigt wiederum eine Reaktion, die die Präzision beeinflusst!) Was denkst du: Was für Werkzeuge hat man in Unternehmen, um diesen Dingen nicht nur abstrahiert-verallgemeinert zu begegnen, sondern individuell?*
Auf bald!
Robin
*(uff, der Platz wird knapper und knapper, haha!)
