HR Today Nr. 3/2022: Porträt & Video-Porträt

«Sport ist mein Ventil»

HR-Quereinsteigerin Carine Nussbaumer ist seit 2020 für die Personalbelange des Finanzdepartements des Kantons Basel-Stadt zuständig. Weshalb sie den Change-Prozess im HR vorantreibt und ihr der Sport so wichtig ist.

Im Herzen von Basel, in unmittelbarer Nähe des Rheins befindet sich das Finanzdepartement (FD) des Kantons Basel-Stadt. Im Verwaltungsgebäude ist es ruhig. In der Abteilung Human Resources im 4. Stock herrscht jedoch eine aufgeregte und freudige Stimmung. «Mylo», ruft Carine Nussbaumer in den Bürogang. Sofort kommt uns ihr 8-jähriger Hund entgegengerannt, ein spanischer Mischling. «Freitag ist in unserer Abteilung Hundetag», sagt die HR-Leiterin. Auch der Vierbeiner ihrer Chefin, der Regierungsrätin Tanja Soland, ist da. «Das bringt Leben ins Haus und tut allen gut. Gerade in Zeiten des Umbruchs.» Das ist nicht nur so dahingesagt: Seit ihrer Ankunft im FD befindet sich die HR-Abteilung von Carine Nussbaumer in einem Veränderungsprozess. «Wir führen in der Verwaltung neue Rollenmodelle ein. Auch die Digitalisierung spielt da eine wichtige Rolle.» Betroffen seien beispielsweise HR-Businesspartner, aber auch HR-Services-Mitarbeitende. Das bedeute, Beschäftigte zu entwickeln: «Sie müssen sich neue Kompetenzen aneignen. «On the job» ist das auf die Schnelle herausfordernd.

«Bei einem Change-Prozess muss man über den Tellerrand schauen und Bestehendes hinterfragen.» Von ihrem HR-Team fordert Nussbaumer deshalb einiges: «Alle müssen mitdenken.» Die richtige Balance zu finden und sich zu fokussieren sei nicht immer leicht. Es gäbe viele Fragen zu klären. Etwa: Wo setzen wir Prioritäten und welche Arbeiten nützen der Linie am meisten? Das HR des FD wandle sich zum unterstützenden Businesspartner, Change-Agenten und Berater, sagt Nussbaumer. «Dazu ist ein Kulturwandel notwendig. Der stellt sich aber nicht von heute auf morgen ein. Zudem verursachen solche Prozesse auch personelle Wechsel.» Das sei im FD zwischenzeitlich auch geschehen. Doch ist Veränderung auch ohne Federnlassen zu haben? «Ich meine nein», sagt Nussbaumer. «Jedenfalls habe ich noch nie ein Projekt begleitet, bei dem das ganze Team geblieben wäre.» Mit ihrer Aufgabe betritt auch Nussbaumer Neuland: «Bisher habe ich Veränderungsprozesse nur als Mediatorin oder Coach begleitet. Steckt man selbst drin, sieht die Welt anders aus.»

 

Denken wie eine Athletin

Trotz der beruflichen Anforderungen ist Carine Nussbaumer eine Frohnatur geblieben, die viel lacht und eine schier unbändige Energie besitzt, die sie in ihren 100-Prozent-Job als HR-Leiterin und in eine semiprofessionelle Triathleten-Karriere steckt. Fünf bis sechs Wettkämpfe stehen in der Saison 2022 an, ebenso die Teilnahme an der Europameisterschaft in München und möglicherweise jene an der Weltmeisterschaft, «falls ich mich qualifiziere». Um diese Ziele zu erreichen, hat die 57-Jährige ihre Trainingseinheiten in ihren Arbeitsalltag eingebaut. Das erfordert Ausdauer, Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit. Kein Problem für Nussbaumer: «Habe ich mich auf ein Ziel fokussiert, arbeite ich akribisch darauf hin.»

Ein typischer Morgen von Carine Nussbaumer? Sie joggt 16 Kilometer von ihrem Haus in der Agglomeration in die Innenstadt oder legt diese Strecke mit dem Fahrrad zurück. Mittags folgt ein Schwimmtraining. «Ausser am Freitag, weil dann unsere Vierbeiner im Büro sind.» Nebst körperlicher Fitness schätzt Nussbaumer die Zeit im Wasser, um auf neue Ideen zu kommen. Daher plant sie ihre Sitzungen drumherum. Am Abend absolviert Nussbaumer eine letzte Trainingseinheit, wenn sie sich nicht mit Freunden oder Familie trifft oder sich gemütlich aufs Sofa setzt – «auch das kann ich».

Faszination Führung

Disziplin und Durchhaltewille begleiten Carine Nussbaumer seit ihrer Kindheit. Aufgewachsen im Raum Basel wäre sie fast Pianistin geworden. Das Mü an Perfektion fehlte ihr allerdings: «Deshalb habe ich 1986 nach der Matura eine Ausbildung zur Direktionsassistentin absolviert und mich 1989 an der SAWI zur Kommunikationsfachfrau­­ weitergebildet.» Währenddessen eignet sich Nussbaumer in verschiedenen Assistenzfunktionen Werbe- und Marketingkenntnisse an. 1990 folgt die erste «grosse» Stelle als Werbeberaterin und Projektleitern am Hauptsitz von Manor in Basel. Dort bleibt sie sieben Jahre. Um frische Luft zu schnuppern und in der Karriereleiter weiter nach oben zu klettern, wechselt sie als Kommunikationsleiterin 1997 zu Bally (Schweiz AG) in Schönenwerd. Dort bleibt sie, bis Bally 1999 verkauft wird. Nussbaumer müsste ins Tessin wechseln, um weiterhin dort zu arbeiten. «Das wollte ich nicht.» Zur Jahrtausendwende wechselt sie deshalb als Projektleiterin im Marketing zur UBS: Doch schon bald keimt in der 36-Jährigen der Gedanke, etwas ganz anderes zu machen. «In meinen Jobs haben mich die ‹Strukturen› der Vorgesetzten interessiert: Was sind ihre Werte? Wie kommunizieren sie? Wie führen sie?» Nach reiflicher Überlegung kündigt sie und beginnt an der Universität Basel ein Studium in Sozial- und Wirtschaftspsychologie.

Kurz und bündig

Lärm oder Stille?
Eindeutig die Stille! Lärm macht mich nervös. Eine Ausnahme ist, Musik über Kopfhörer oder im Auto abzuspielen. Da kann ich auch mal die Lautstärke aufdrehen.

Mein Sehnsuchtsort
Da muss ich keine Sekunde überlegen: Schottland. Die Ruhe, die wunderschöne abwechslungsreiche Landschaft, das Licht, die Menschen mit ihrem trockenen Humor und der schottische Dialekt – kurz: einfach alles!

Jazz oder Klassik?
Beides, jeweils zu seiner Zeit. Durch meine Prägung und die musikalische Grundausbildung habe ich meine Wurzeln eher in der klassischen Musik. Ich mag klassische Konzerte und die Musik von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Als ich Saxofon spielen lernte, war mir plötzlich der Jazz näher. Ganz generell mag ich die unterschiedlichsten Musikrichtungen – ausser Hard Rock und Schlager.

Konstanz oder Veränderung?
Die Veränderung. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Zur Veränderung gehört aber auch die Neugier: Neues entdecken hält die Synapsen auf Trab.

Asketin oder Genussmensch?
Als Sportlerin müsste ich Asketin sagen. Das bin ich aber nicht. Ich bin durch und durch ein Genussmensch – in allen Facetten. Gibt es ­Champagner, Wein und ein gutes Essen, ist die Welt für mich in Ordnung.

 

Der Neustart in der Berufswelt fällt ihr nach dem Universitätsabschluss nicht leicht: Nussbaumer schreibt über 60 Bewerbungen, bis sie ihre erste Stelle in der Personal- und Organisationsentwicklung (POE) ergattert: «Ich bekam immer zu hören: Sie haben keine Erfahrung, obschon ich mit meiner Kommunikationserfahrung einen grossen Teil dieses Bereichs schon abdeckte.» Bei der Allianz Suisse in Zürich bekommt sie eine Chance: 2007 startet sie als Personalentwicklerin und Coach. Nussbaumer ist in ihrem Element: Sie stellt die Personalentwicklung neu auf, konzipiert und implementiert ein neues Traineeprogramm sowie eine Talent-Management-Strategie. Alles läuft bestens, bis der Baslerin die Pendelzeit zu viel wird und der Sport «zu kurz kommt».

Als sie 2009 eine Anfrage von der Versicherungsgesellschaft National Suisse in Basel als Personal- und Organisationsentwicklerin erhält, sagt sie zu. Die Arbeit gefällt ihr. Aufgrund eines Vorgesetztenwechsels quittiert Nussbaumer 2012 ihren Dienst jedoch und wechselt als Coach in die Selbständigkeit, um 2015 als Personalentwicklerin wieder in die Festanstellung beim Bundesamt für Kommunikation BAKOM in Biel zurückzukehren. «Dort widmete ich mich der Kader- und Führungskräfteentwicklung, organisierte unter anderem Workshops sowie Seminare und implementierte einen 180-Grad-Feedbackprozess.»

Wiederum wird der semiprofessionellen Sportlerin das Pendeln zu viel – «meine Trainings waren immer noch in Basel» –, sodass sie sich 2020 nach einem neuen Job umsieht. Durch Zufall entdeckt sie die HR-Leiterin-Stelle im FD. «Trotz fehlender operativer HR-Erfahrung wurde ich aufgrund meines Schwerpunktes Change-Erfahrung zum Vorstellungsgespräch eingeladen.» Das FD wollte keine «klassische» HR-Leitung, sondern jemanden, der neue Strukturen und HR-Modelle ­einführt. Eine perfekte Ausgangssituation für Nussbaumer: «Darin hatte ich ja Erfahrung.» Sie überzeugt und bekommt als Quereinsteigerin die Stelle.

Alles unter einen Hut bringen

Dass ihr Privatleben bei diesem unglaublichen Engagement manchmal zu kurz kommt, ist nicht zu vermeiden. «Einen 100-Prozent-Job, ein Trainingspensum von 12 bis 18 Wochenstunden und mein Sozialleben unter einen Hut zu bringen, ist eine logistische Herausforderung.» Ohne Sport ginge es jedoch nicht: «Könnte ich meinen sportlichen Ehrgeiz nicht ausleben, wäre ich im Job nicht leistungsfähig. Er ist mein Ausgleich, macht mich zufrieden und hält meinen Kopf fit. Sport ist mein Ventil!»

Finanzdepartement Basel-Stadt

Das Finanzdepartement Basel-Stadt ist eines von sieben Departementen. Es sorgt für den Finanzhaushalt des Kantons Basel-Stadt und ist damit Grundlage, dass der Kanton seine zentralen Aufgaben in der Gesundheit, im Sozialen, in der Bildung, bei der Infrastruktur oder der Kultur für die Bevölkerung wahrnehmen kann. Das Finanzdepartement beschäftigt knapp 700 Mitarbeitende, die sich um die Steuern und die Immobilien des Kantons kümmern sowie weitere Dienstleistungen für die gesamte Kantonsverwaltung erbringen – beispielsweise im Personalwesen, in der Informatik und der Digitalisierung. fd.bs.ch

 

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Christine Bachmann ist stellvertretende Chefredaktorin von HR Today. cb@hrtoday.ch

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