HR Today Nr. 7&8/2021: Debatte

100 Prozent Homeoffice forever?

War Homeoffice in vielen Betrieben vor der Covid-19-Pandemie verpönt, ist es inzwischen etabliert. Doch wie viel Homeoffice ist nach der Pandemie sinnvoll – 100 Prozent, 50 Prozent oder Null Prozent? Wir haben nachgefragt.

Myriam Best, HR Strategies, HR Campus AG: «Auf lange Sicht hinterlässt Remote Work eine soziale Lücke.»

In den letzten zwanzig Jahren fand in der Schweizer Arbeitswelt eine kleine Revolution statt: Der Anteil der Erwerbstätigen, die ganz oder teilweise zu Hause arbeiten, ist von zwei bis sechs Prozent im Jahr 2001 auf 25 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. Das Auftreten der Covid-19-Pandemie hat wie ein Beschleuniger gewirkt: Laut der jüngsten vom BFS veröffentlichten Statistik (i) arbeiteten im Jahr 2020 rund 35 Prozent der Erwerbstätigen teilweise im Homeoffice. Die Situation rund um Corona ermöglichte es hinterherhinkenden Organisationen aufzuholen. Viele Arbeitnehmende freuen sich über die neue Flexibilität, die ihnen bei der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben mehr Spielraum schenkt. Doch sitzen wir alle im selben Boot? Für manche bringt Homeoffice frischen Wind ins Leben: weniger Zeitaufwand beim Pendeln, eine personalisierte Arbeitsumgebung und eine flexiblere Zeiteinteilung. Auf lange Sicht hinterlässt Remote Work jedoch eine soziale Lücke: Was ist mit familiären Interaktionen, was mit Kaffee- oder Mittagspausen mit unseren lieben Kolleginnen und Kollegen? Unser soziales Wohlbefinden wird durch diese vielfältigen Kontakte genährt, die wir seit mehr als einem Jahr schmerzlich vermissen. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Unternehmen dafür, sich von ihren physischen Büros zu trennen, und verfolgen eine hundertprozentige Arbeit im Homeoffice-Strategie (ii). Die finanziellen Vorteile liegen auf der Hand, denn Büromieten sind ein erheblicher wiederkehrender Kostenfaktor. Darunter leidet aber der Austausch, der wertvolle Verbindungen zwischen Menschen schafft und festigt. Was, wenn der Sweet Spot dazwischen liegt? Einerseits bei der maximalen Flexibilität und der gleichzeitigen Möglichkeit zur ­persönlichen Interaktion? Als «soziales Tier» steht für mich die Entscheidung fest: 100 Prozent Homeoffice für immer: nein! 100 Prozent Flexibilität für immer: ja!

(i) Teleheimarbeit | Bundesamt für Statistik (admin.ch)
(ii) bit.ly/TAGI_Homeoffice

Ines Doherr, Bereichsleiterin Human Resources, Wincasa: «Unsere Mitarbeitenden bekommen 'De Foifer und s’Weggli'.»

Als hätten wir in weiser Voraussicht entschieden, ermöglichten wir bereits Ende 2019 den Mitarbeitenden schweizweit an allen Standorten zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten. Zudem führten wir den Dialog mit Behörden, passten unsere Reglemente an und stellten die IT-Infrastruktur sowie die Hardware bereit. Auch kulturell nahmen wir uns dieser «neuen Art» des Arbeitens an, da nicht jeder Mitarbeitende sich vorstellen konnte, bis zur Hälfte des Arbeitspensums im Homeoffice oder in sonstigen externen Räumlichkeiten (Third Place) zu arbeiten. Ein Meilenstein in der Realisierung unserer Mission «Convenience. Any room. Any time.». Dadurch war schon ab Beginn der Pandemie möglich, im gewohnten Homeoffice-Modus weiterzuarbeiten. Unser Timing war perfekt. Das zwischenzeitlich etablierte Angebot «mobiles Arbeiten» wird von unseren Mitarbeitenden sehr geschätzt. Deshalb wird es auch über die ausserordentliche Lage hinaus Bestand haben. Wir sind stolz auf das Engagement unserer Mitarbeitenden. Trotz anspruchsvoller Bedingungen und langanhaltender Homeoffice-Pflicht war kein Rückgang der Motivation oder Qualität zu beobachten. Das verstehen wir auch als Zeichen unserer Unternehmenskultur. Es bestätigt, dass wir uns mit unserer Homeoffice-Regelung auf dem richtigen Weg befinden. Trotz der positiven Erfahrungen vermissen wir aber persönlichen Begegnungen. Eins-zu-eins-Diskussionen und unsere Wincasa-Kultur können das Homeoffice nicht ersetzen. Hinzu kommt, dass die Immobilienbranche ein People Business ist: Der persönliche Kontakt ist für den Grossteil unserer Dienstleistungen unerlässlich. Daher ist eine  Homeoffice-forever-Regelung keine Option für uns. Lieber halten wir an unserem eingeführten Modell fest und können so unserer Belegschaft etwas von beidem anbieten: Arbeiten an einer garantierten Anzahl Tage im Homeoffice und gleichzeitig die Möglichkeit, seinen Job auch weiterhin im Büro zu erledigen – inklusive persönlichem Austausch und informellem Schwatz an der Kaffeemaschine. Unsere Mitarbeitenden bekommen so quasi «de Foifer und s'Weggli».

Marc Prinz, Rechtsanwalt, Vischer AG: «Eine ständige und unbegrenzte Tätigkeit im Homeoffice scheint nicht sinnvoll.»

Die Tätigkeit im Homeoffice bringt auf den ersten Blick für Mitarbeitende gewisse Vorteile mit sich. Der Wecker klingelt am Morgen später, da der Arbeitsweg entfällt, und die Arbeitszeit kann in der Regel freier eingeteilt werden. Wie sich nun zeigt, wird eine ständige Homeoffice-Tätigkeit für viele Mitarbeitende aber eher zur Belastung. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben schwinden und der persönliche Austausch unter Kolleginnen und Kollegen besteht oft nur noch am Rande. Das wiederum hat häufig negative Auswirkungen auf die Arbeitsleistung. Arbeitgebende, die dennoch entscheiden, dass Mitarbeitenden – soweit möglich – künftig nur noch im Homeoffice tätig sein sollen, könnten zwar meist hohe Mietkosten für die Büroräumlichkeiten einsparen, sie sähen sich aber auch mit neuen Kostenpositionen konfrontiert. So hätten sie den Mitarbeitenden nicht nur Arbeitsgeräte und -material zur Verfügung zu stellen, sondern sie auch für alle ihnen im Zusammenhang mit dem Homeoffice entstehenden Auslagen bis hin zur anteilsmässigen Miete zu entschädigen. Das ist aber nicht die einzige Pflicht, welche Arbeitgebende hinsichtlich ihrer im Homeoffice beschäftigten Mitarbeitenden trifft. Sie haben auch die Einhaltung der (arbeitsgesetzlichen) Bestimmungen im Homeoffice wie die effiziente Arbeitsleistung sicherzustellen. Gleichzeitig ist ihnen eine Überwachung der Mitarbeitenden aber nur in begrenztem Rahmen möglich. In erster Linie entscheidend ist jedoch, dass auch hier der persönliche Austausch fehlen dürfte. Eine ständige und unbegrenzte Tätigkeit im Homeoffice scheint gemäss der hier vertretenen Ansicht daher nicht sinnvoll, jedenfalls nicht in absoluter Form. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass berufliche Tätigkeiten von zu Hause aus durchaus ohne grössere Probleme erledigt werden können. Deshalb sollte diesbezüglich eine gewisse Flexibilität beibehalten werden. Dabei empfiehlt es sich, für die (teilweise) Homeoffice-Tätigkeit in einem entsprechenden Reglement klare Vorgaben aufzustellen.

 

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Der fehlende Kontakt und die damit verbundene Emotionslosigkeit sind das neue Lebensgefühl der Homeoffice-Generation. Dazu kommt noch Yoga, wo man/frau sich die Frustration abtrainiert – das ergibt schlussendlich den Menschen, der perfekt in die neue digitale Agenda passt.
Schnöde neue Welt.

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