HR Today Nr. 1&2/2021: Im Gespräch

«Jeder Mitarbeitende ist ein Leader»

Diversity and Inclusion sind Yvonne Bettkobers Steckenpferd. Die Country Leaderin Schweiz für Amazon Web Services (AWS) und Speakerin am HR FESTIVAL europe 2021 über den Einfluss der Unternehmenskultur, den Stellenwert der Mitarbeitenden sowie die Auswirkungen des technologischen Wandels.

AWS ist Teil von Amazon. Ein Unternehmen, welches das Ziel verfolgt, das kundenorientierteste Unternehmen der Welt zu werden. Wie mitarbeiterorientiert ist AWS?

Yvonne Bettkober: AWS bietet seinen Mitarbeitenden eine Unternehmenskultur, in der sie Verantwortung übernehmen, sich ausprobieren und weltweit Innovationen vorantreiben können. Jeder kann unabhängig von seiner Position Ideen einbringen. Diese stellen wir in einer internen «Presse­meldung» vor, die dann von den Kolleginnen und Kollegen geteilt und diskutiert wird. So hängt die Akzeptanz einer Idee nicht von den Präsentationsfähigkeiten des Mitarbeitenden ab, sondern von deren Inhalt.

Ermöglicht wird diese spezielle Kultur durch unsere 14 Führungsprinzipien, den sogenannten «Leadership Principles»* – wie beispielsweise Verantwortung übernehmen (Ownership), die besten Mitarbeiter einstellen und weiterentwickeln (Hire and Develop the Best) oder Vertrauen aufbauen und verdienen (Earn Trust). Diese ­Prinzipien geben uns einen Rahmen für unsere ­täglichen Aufgaben und die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen und zusammenarbeiten. Jeder Mitarbeitenden ist ein «Leader», der einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg beiträgt. Davon abgesehen bieten wir attraktive ­Gehälter, Zusatzleistungen und Raum für persönliche Entwicklung, beispielsweise mittels Mentoring-Programmen.

Amazon kommt immer wieder in die «Negativschlagzeilen» aufgrund der Arbeitssituation der Mitarbeitenden in der Logistik, der Überstunden von Führungskräften oder wegen seines kompetitiven Umfeldes. Wie nehmen Sie das wahr?

Das ist nicht das Amazon, wie ich es kenne. Aus ers­ter Hand kann ich nur für meinen Bereich sprechen – und da erlebe ich es ganz anders. AWS ist ein Unternehmen, in dem Arbeit Spass macht und ­bereichert. Tempo und Anspruch sind zwar hoch, aber die Mitarbeitenden erhalten zugleich viel ­Unterstützung durch ihre Führungskräfte, können experimentieren, Fehler machen und daraus lernen.

Wie wichtig sind Ihnen die Mitarbeitenden?

Oft wird der Stellenwert von Arbeitnehmenden daran gemessen, wie viele «Spass-Programme» ein Unternehmen hat, beispielsweise der berühmte Kicker-Tisch oder interne Veranstaltungen. Bei uns ist das anders: Wir messen den Stellenwert unserer Mitarbeitenden am Vertrauen und an der Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen. Das spiegelt sich in einer hohen Autonomie durch unsere flachen Hierarchien und der kleinen Teams, die selbstständig organisiert sind. Zudem werden Mitarbeitende bei wichtigen Entscheidungen einbezogen. Ein Beispiel hierfür ist die Auswahl neuer Kolleginnen und Kollegen. So gewährleisten wir, dass die ausgewählte Person in die Unternehmenskultur passt und mit uns wachsen kann. Darüber hinaus holen wir kontinuierlich Rückmeldung von unseren Arbeitnehmenden und entwickeln darauf aufbauend Massnahmen.

Was bedeutet Ihnen Diversität?

Das Thema begleitet mich seit meiner Schulzeit. Als eines der wenigen Mädchen schloss ich mein Abitur mit Schwerpunkt Mathematik und Physik ab und studierte an der Technischen Universität in Berlin Elektrotechnik. Die Technologiebranche hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte in der Diversität verzeichnet, dennoch bin ich als Schwarze und als Frau oft ein Exot in meinem beruflichen Umfeld. Eines habe ich während meiner Tätigkeit jedoch über die Jahre gelernt: Diversität steht im direkten Zusammenhang mit Inklusion.

Dass sich Menschen unterscheiden, wird einem erst durch die Augen der anderen bewusst. Für mich bedeutet Diversität deshalb, mich nicht dafür zu rechtfertigen, wer ich bin, sondern ob ich wie alle anderen die gleiche Chance bekomme, mein Wissen und meine Fähigkeiten einzusetzen und einen Beitrag zu leisten. Das gilt im Job wie in der Gesellschaft. Diversität und Inklusion dürfen keine Themen sein, die Unternehmen zum Aufpolieren ihres Images benutzen. Diese müssen als Werte fest in der Unternehmenskultur verankert sein.

Wie gestaltet sich Diversität in einem technologischen Unternehmen wie AWS?

Wir pflegen eine Kultur und Mechanismen, die zu Diversität ermutigen. Ein Beispiel hierfür ist unser Leadership-Prinzip «Have Backbone; Disagree and Commit», mit dem wir Führungskräfte auffordern, eigene Meinungen zu vertreten und Entscheidungen im Team zu tragen. Wir schaffen insbesondere für Mädchen Möglichkeiten, Technik und Innovationen spielerisch zu erfahren, und wollen Frauen die Scheu vor Digitalberufen nehmen. Dazu hat AWS unterschiedliche Programme entwickelt. Beispielsweise AWS Educate**, eine globale Initiative, die Studierenden und Bildungseinrichtungen mit umfassenden Ressourcen ausstattet, um sich Cloud-Fähigkeiten für eine Karriere im Cloud Computing im Selbststudium anzueignen.

Was unternehmen Sie noch, um Diversität zu fördern?

Um sicherzustellen, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin bei einem Bewerbungsgespräch fair und ohne Voreingenommenheit bewertet wird, schulen wir unsere Mitarbeitenden vor dem Auswahlprozess bezüglich «unconscious bias». Wir zeigen ihnen also auf, wie sie mögliche Vorurteile erkennen und abbauen können. Zudem organisieren wir mehrere Gesprächsrunden mit dem Bewerbenden und Kollegen unterschiedlicher Abteilungen und Fachrichtungen und setzen darüber hinaus einen sogenannten Bar Raiser ein. Das ist ein Kollege oder eine Kollegin aus einem vollkommen anderen Fachbereich. Jeder Mitarbeitende, der am Auswahlprozess beteiligt war, gibt seine persönliche Einschätzung zum Bewerbenden schriftlich ab, ohne diese vorab mit den anderen am Prozess beteiligten Kolleginnen und Kollegen zu teilen. In einem gemeinsamen Termin werden danach alle Eindrücke gesichtet und es wird gemeinsam eine Entscheidung getroffen.

Wie wichtig sind diverse Vorbilder im Berufsalltag?

Rollenmodelle spielen eine wichtige Rolle, wenn es um Diversität und Inklusion geht. Zum einen sind hier die Führungskräfte gefragt, mit gutem Beispiel voranzugehen, zum anderen sollten Mitarbeitende die Möglichkeit haben, sich mit anderen Kolleginnen und Kollegen zu identifizieren. Bei AWS pflegen wir deshalb zwölf lebendige Affinity Groups, die Mitarbeitende auf der ganzen Welt zusammenbringen und eine grosse Vielfalt unterschiedlichster Themen abdecken. Beispiele hierfür sind das Black Employee Network, Amazon Women in Engineering und Indigenous.

Nicht nur Diversität und Inklusion prägen und verändern Unternehmen, auch die Technologie. Wie verändert diese die Zusammenarbeit künftig in Unternehmen?

Die aktuelle Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Technologie ist und wie sie unsere Arbeitsweise verändert. Ein aktuelles Beispiel aus unserem Alltag ist die während des Lockdowns gegründete Plattform Medical Informatics. Eine Cloud-Lösung, die eine Gruppe ehrenamtlicher Mitarbeitender mit Hilfe von AWS aufgebaut hat und die Spitäler mit medizinischem Fachpersonal oder anderen freiwilligen Helfern verknüpft.

Die Vorteile von Cloud-Technologien sind vielfältig. Sie ermöglichen Unternehmen, ihre Geschäfte aufrechtzuerhalten und bedarfsgerecht IT-Ressourcen zu beziehen. Zudem gewähren ihnen diese Zugriff auf neuste Technologien. Dadurch können sich Firmen unabhängig ihrer Grösse auf die Entwicklung neuer Ideen konzentrieren und Innovationen vorantreiben. Dazu müssen die Betriebe und ihre Belegschaft zunächst aber mit neuen Arbeitsmethoden vertraut gemacht werden. Das erfordert häufig ein anderes Selbstmanagement und einen anderen Führungsstil. So müssen Mitarbeitende beispielsweise lernen, im Homeoffice ihr Privat- vom Berufsleben zu trennen und Arbeitszeiten sowie Pausen einzuhalten, während Führungskräfte mehr Vertrauen in die Eigenständigkeit ihrer Mitarbeitenden setzen und Wege finden müssen, einen kontinuierlichen Austausch sicherzustellen.

Inwiefern verunmenschlicht die Technologie die Zusammenarbeit?

Technologie kann das Menschliche lediglich ergänzen. Sie erleichtert die Zusammenarbeit und Arbeitsprozesse und macht diese oft effizienter und effektiver. Werte, Empathie sowie das regelmässige Teamwork-Erlebnis, das «Miteinander», lassen sich nicht durch Technologie ersetzen.

* Leadership Principles: aws.amazon.com/de/careers/culture/
** AWS Educate: aws.amazon.com/education/awseducate

Amazon Web Services (AWS)

Amazon Web Services ist seit 14 Jahren die weltweit verbreitetste Cloud-Plattform. AWS bietet mehr als 175 Dienste für Datenverarbeitung, Speicher, Datenbanken, Netzwerke, Analysen, Robotik, Machine Learning, künstliche Intelligenz, das Internet of Things, mobile Anwendungen, Sicherheit, hybride Umgebungen, Virtual und Augmented Reality, Media sowie die Entwicklung, Bereit­stellung und Verwaltung von Anwendungen. Die AWS Cloud wird in 77 ­isolierte Umgebungen innerhalb von ­Rechenzentrumsregionen betrieben. aws.amazon.com/de

Yvonne Bettkober

Bettkober wuchs in Kamerun und Frankreich auf und zog 1994 nach Deutschland, um an der Technischen Universität Berlin Nachrichtentechnik zu studieren. Ihr Studium schloss sie als Diplom-Ingenieurin ab. Einen internationalen MBA mit Schwerpunkt Corporate Strategy & Finance absolvierte Bettkober an der University of Warwick. Von 2006 bis 2019 arbeitete sie für Microsoft Schweiz. Dort übernahm sie 2015 die Leitung des KMU- und Partnergeschäfts und wurde damit Mitglied der Geschäftsleitung. Seit August 2019 ist sie die Country Leaderin Schweiz für Amazon Web Services, der Cloud-Sparte von Amazon. Sie lebt seit 2006 mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in der Schweiz.

HR FESTIVAL europe 2021

Am erweiterten HR Festival europe ­erwartet Besucherinnen und Besucher ein buntes Spektrum an Speakern aus ganz Europa. Neben Yvonne Bettkober sind das unter anderem Skype-Mitgründer, Firmengründer und Investor Jonas Kjellberg und SAP Chief Designer Martin Wezowski. Neugierig? Jetzt anmelden unter: hrfestival.ch

 

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Christine Bachmann

Christine Bachmann, stellvertretende Chefredaktorin, HR Today.

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