HR Today Nr. 12/2021: Sicherheit – Modern Slavery

Mitgefangen, mitgehangen

Komplexe Lieferketten sind nicht leicht durchschaubar. Häufig auch nicht für Firmen, die moderne Sklaverei dadurch unwissentlich fördern. Ein Unsicherheitsfaktor, der sich aber ausschliessen lässt. Weshalb HR sich einbringen sollte, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Ein Gespräch mit Hanne McBlain, Senior Director der Information Services Group (ISG), die Lieferketten von Firmen durchleuchtet.

Arbeitsbedingungen, Einhaltung der Menschenrechte, Unternehmenskultur: alles ­HR-Themen. Inwiefern sollte sich HR ein­mischen?

Hanne McBlain: Die Personalabteilung ist Teil eines Teams, das die Risiken moderner Sklaverei bewertet. Normalerweise kümmern sich Einkaufsverantwortliche oder das Lieferantenmanagement zusammen mit der Rechtsabteilung um Lieferantenbeziehungen. Die Rolle des HR besteht in der Aktualisierung von Richtlinien sowie Beschäftigungs- und Zulieferverträgen.

Was bedeutet «Modern Slavery» überhaupt?

Dieser Begriff umschreibt eine Reihe von ­Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Menschenhandel, Sklaverei aufgrund der Abstammung, Kinderarbeit oder Zwangs- und Frühverheiratung.

Grafik, die die verschiedenen Arten moderner Sklaverei aufzeigt.

Wie gross ist das Problem?

Der Global Slavery Index (Walk Free Foundation) und die UNO (United Nations Organization) schätzen, dass weltweit 40 Millionen Menschen von Modern Slavery betroffen sind. In Deutschland sind das ungefähr 167'000 Menschen. Auch wenn Modern Slavery in bestimmten Regionen und Branchen besonders ausgeprägt ist, handelt es sich doch um ein globales Problem. Das höchste Risiko dafür haben gemäss dem Global Slavery Index aber der Südsudan und Afghanistan.

Nebst der Textilbranche gerät die IT-Branche dabei immer wieder ins Blickfeld. Weshalb?

Die Elektronik- und die Textilindustrie sind tatsächlich beide unter den Top 5 der risikoreichsten Produkte aller G20-Länder zu finden. Dies auch, weil die IT- und Elektronik-Lieferketten sehr komplex sind: Die für die Herstellung von Elektronikprodukten verwendeten Mineralien werden zum Beispiel teilweise in Zentralafrika durch ­Sklavenarbeit abgebaut. Der Zusammenbau von Elektronikteilen erfolgt in Ländern wie Malaysia, wo fast 28 Prozent der Arbeitnehmenden in Schuldknechtschaft leben, oder auch in China, wo Zwangsarbeit vorkommt: beispielsweise in Arbeitslagern, wo die uigurische Minderheit festgehalten wird. Nicht nur die Elektronik-, auch die Textilindustrie hat mit der Ausbeutung von Arbeitskräften zu kämpfen. Meist sind es Frauen, die dort häufig schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind oder Zwangsarbeit leisten ­müssen.

Ein nicht lange zurückliegender Skandal ­ereignete sich in Bangladesch, wo mehrere hundert Frauen beim Einsturz einer Nähfabrik starben. Eine Ausnahme?

In den letzten Jahren gab es mehrere Berichte über Arbeiterinnen, die unter inakzeptablen Arbeitsbedingungen in Bangladesch zu Tode kamen. Es ist schwer zu sagen, ob in diesem speziellen Fall Modern Slavery vorlag, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass zumindest einige der Frauen irgendeiner Form von Modern Slavery unterworfen waren.

Wo liegen die Ursachen?

Solange die Verbraucher die Herstellungs­bedingungen bei ihrer Kaufentscheidung nicht berücksichtigen, wird es in der Bekleidungs­industrie in Ländern wie Bangladesch weiterhin skrupellose Betriebe geben, die Menschen ausnutzen. Es scheint sich jedoch ein Wandel abzuzeichnen. Der Druck auf Firmen ist zumindest in den Industrieländern gestiegen, Kleidungsstücke aus Fabriken zu beziehen, die angemessene Arbeitsbedingungen bieten.

Inwiefern nehmen Firmen Modern Slavery ­entlang der Wertschöpfungskette bewusst in Kauf?

Viele Unternehmen haben ihre Lieferketten nicht vollständig erfasst und wissen daher möglicherweise nicht, ob Modern Slavery darin vorkommt. Falls sie solche Zustände identifizieren, können sie diese mit ihren Lieferanten gemeinsam beseitigen oder ihnen sogar kündigen. Dass sich Firmen für angemessene Arbeitsbedingungen einsetzen sollten, hat mehrere Gründe: Gibt es Gesetze zur modernen Sklaverei, verstossen die Unternehmen dagegen, wenn sie nichts unternehmen. Dann drohen erhebliche Strafen und eine Rufschädigung. Selbst in Ländern ohne Gesetze wächst der Druck von Aktionären und Kunden zur «ethischen» Beschaffung von Produkten. Tun Unternehmen offenkundig das Falsche, werden sich Aktionäre und Kunden vom Unternehmen abwenden.

Können Sie die Gesetzeslage näher erläutern?

Deutschland, Norwegen, Australien, Frankreich, die Niederlande, Kalifornien und das Vereinigte Königreich haben bereits Gesetze gegen Modern Slavery eingeführt. Rechtsvorschriften in Regionen wie Kanada, Hongkong und dem Rest der EU werden wahrscheinlich bald folgen. Da sich alle G20-Staaten gemäss den 2011 vom Menschenrechtsrat einstimmig verabschiedeten UN-Leitprinzipien dazu verpflichtet haben, die Ausbeutung von Menschen zu beseitigen, bildet dies ein Schwerpunktthema aller Regierungen in der Welt. Die Rechtsauslegung ist dagegen unterschiedlich. In einigen Ländern wie Australien ist bei Verstössen keine Strafe vorgesehen, während sich die Rechtsvorschriften anderer Länder wie der Niederlande nur auf bestimmte Aspekte von Modern Slavery wie die Kinderarbeit fokussieren.

Inwiefern bewirkt das bei Firmen ein ­Umdenken?

Die Gesetzgebung zu Modern Slavery hat die Unternehmen dazu gezwungen, ihre Lieferketten und die Lieferanten, die diese Lieferketten bilden, zu verstehen. Die «Know Your Customer»-Bewegung (KYC) hat im Finanzdienstleistungssektor die Geldwäsche ausgerottet. Jetzt müssen Unternehmen das Risikoprofil ihrer Lieferanten im Sinne von «Know Your Supplier» (KYS) verstehen, denn die Zusammenarbeit mit einem Lieferanten, der in irgendeiner Form in Modern Slavery verwickelt ist, kann für ein Unternehmen nachteilige und langanhaltende Auswirkungen haben. Modern Slavery ist aber auch Teil des «S» von «ESG» ­(Ecological, Social, Governance). Die meisten Unternehmen haben dies in den letzten Jahren zur Priorität gemacht und mehr Transparenz geschaffen. Das beinhaltet auch die Überwachung der Vorschriften zu Modern Slavery.

Eine Lieferkette lässt sich oft nur schwer überwachen, weil Teile der Wertschöpfungsketten in unterschiedlichsten Ländern erbracht werden oder Lieferanten weitere Unterlieferanten einsetzen...

Es wird immer schwieriger, Lieferketten in einer komplexen Welt abzubilden. Um sicherzustellen, dass keine moderne Sklaverei vorkommt, sollte eine Firma mit einem Lieferanten einen Vertrag abschliessen, in dem sich dieser verpflichtet, seine Zulieferanten dahingehend zu kontrollieren. Nicht alle halten sich jedoch daran. Daher muss das beauftragende Unternehmen dies überwachen. Das beinhaltet folgende Schritte: Zusammenstellung eines Projektteams mit Personal-, Rechts- und Finanzfachkräften; Entwicklung eines Modern-Slavery-Frameworks, um bestehende sowie fehlende Richtlinien zu überprüfen, zu aktualisieren und zu entwickeln; Klauseln in Vertragsvorlagen einfügen, alle Lieferketten abbilden, Lieferantendetails in eine digitale Form bringen sowie Assessments zur Restrisikoeinstufung von Lieferanten durchführen. Zur Überwachung der Lieferkette gehört ebenso die Auswertung von Sekundär­quellen: etwa die von Verhaltenskodexes, Whistleblower-Richtlinien, Stellungnahmen zu Gesetzgebungen gegen die menschliche Ausbeutung; Nachrichten und Warnungen einschliesslich ­negativer Medienberichte sowie weiterer ­Informationen, die der Risikominderung dienen. Liegt ein Restrisiko ausserhalb des Unternehmens, muss dies auf Geschäftsleitungsebene angesprochen werden.

Ein einmaliger angekündigter Fabrikbesuch dürfte hierzu nicht ausreichen. Auch Selbstauskünfte nicht. Wo sehen Sie weitere Lösungsansätze?

Wichtig sind regelmässige Assessments, je nach Risikoprofil des Lieferanten durch Schreibtisch- oder Vor-Ort-Bewertungen. Probleme lassen sich aber auch durch eine fortlaufende Überwachung mit Blick auf negative Nachrichten und Vorkommnisse erkennen. Diese Sorgfaltspflicht ist bei der Aufnahme von Geschäftsbeziehungen und ­während der gesamten Dauer der Lieferantenbeziehung der Schlüssel, um Modern Slavery zu verhindern.

Inwiefern kann die Technik hierzu Hand ­bieten?

Technologie kann auf verschiedene Weise helfen. Zum Beispiel, indem durch eine zentrale Plattform die Risiken von Modern Slavery in der Lieferkette identifiziert, bewertet, eingestuft und überwacht werden. Darüber hinaus beinhalten solche ­IT-Lösungen strukturierte Risikomanagement-Prozesse, Berichte sowie Lieferanten-, Produkte- oder Dienstleistungsanalysen.

Zum Unternehmen

Information Services Group (ISG), (NASDAQ: III), ist ein führendes globales Markt­forschungs- und Beratungsunternehmen im Technologiebereich. 2006 gegründet, beschäftigt ISG mit Sitz in Stamford (­Connecticut, USA) über 1300 Digitalexperten und ist in über 20 Ländern tätig, darunter auch in Deutschland und in der Schweiz. Um das Lieferantenökosystem zu managen, können in der ISG-IT-Lösung «GovernX» Governance-Vorgaben, Vertragsinformationen, das strategische Beziehungsmanagement sowie ein externes Risiko-Monitoring integriert werden.

 

Kommentieren0 KommentareHR Cosmos

Chefredaktorin, HR Today. cp@hrtoday.ch

Weitere Artikel von Corinne Päper

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren