HR Today Nr. 10/2020: Betriebliches Gesundheitsmanagement

Permanente Inputs sind schlecht fürs Gehirn

Über Selbstwirksamkeit und Sinn bei der Arbeit, bewusstes und unbewusstes Multitasking und hirngerechtes Arbeiten in der schönen neuen Arbeitswelt: ein Gespräch mit Neurobiologe und BGM-Coach Bernd Hufnagl.

Ihr Buch trägt den Untertitel «Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking». Was bedeutet das?

Bernd Hufnagl: Unser Gehirn braucht das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Das heisst, dass ich das Gefühl habe, mein Leben selbst beeinflussen und steuern zu können. Die moderne Arbeitswelt verunmöglicht das jedoch vielerorts. Wir erledigen Dinge, die andere vorgeben, und setzen gleichzeitig Ziele um, die nicht unsere sind – und das in einem unglaublichen Tempo. Die Folgen: Aufmerksamkeitsstörungen, Stresssymptome und psychische Erkrankungen nehmen zu, während die Belastbarkeit und Motivation der Beschäftigten bei der Arbeit abnimmt und sie keinen Sinn mehr in ihrer Tätigkeit erkennen.

Wie verhindern wir, dass Sinnlosigkeit überhandnimmt?

Indem wir den Ansatz der Salutogenese nutzen. Um Sinnhaftigkeit zu erleben, müssen drei Bedingungen erfüllt sein. Erstens sollte sich der Mitarbeitende am Arbeitsprozess beteiligen können. Führungskräfte müssen Mitarbeitenden deshalb das Gefühl vermitteln, dass sie von ihrem Schreibtisch aus etwas zum grossen Ganzen beitragen. Zweitens müssen die Beschäftigten in der Lage sein, ihre persönliche Aufgabe zu bewältigen. Das klingt trivial. Ein Grossteil der Angestellten hat jedoch immer mehr Mühe, ihre Arbeitslast zu stemmen. Das betrifft vor allem Menschen, die sich schlecht abgrenzen, nicht Nein sagen können oder so lange Gas geben, wie ihre To-do-Liste es erfordert. Auch Perfektionisten oder Menschen mit einem Kontrollzwang neigen zu einem solchen Verhalten. Das Problem: Diese To-do-Liste ist eine Endlosliste.

Sie nannten eine dritte Voraussetzung. Welche ist das?

Wir müssen unsere Arbeit emotional verstehen können. Also warum wir was tun. Auch da hapert es in vielen Unternehmen.

Wie zeigt sich das?

Aus externer Sicht beurteile ich Mitarbeiterbefragungen von Unternehmen. Häufig äussern die Beschäftigten darin, dass sie nicht verstehen, warum die Führung etwas so macht und nicht anders. Das liegt daran, dass Führungskräfte nicht oder schlecht kommunizieren, aber auch daran, dass Mitarbeitende nicht zuhören. Vorgesetzte sollten ihre Botschaften deshalb eher einmal mehr als weniger kommunizieren.

Unterstützt «New Work» eigentlich hirn­gerechtes Arbeiten?

Alles, was die Eigenmotivation und aktives Mitdenken- und gestalten ermöglicht, ist vielversprechend. Ebenso kreative Arbeitsplätze sowie Infrastrukturen und IT-Lösungen, die stationäres und mobiles Arbeiten unterstützen. Wichtig finde ich ausserdem, von anderen zu lernen. Etwa beim «Benchlearning». Dabei kommen mehrere Unternehmen zusammen, um sich über eine gewisse Zeit über verschiedene Schwerpunktthemen auszutauschen. Die bedeutendsten Learnings stellen sie dann der Allgemeinheit zur Verfügung.

Besonders Führungskräfte seien «immer mehr im Multitasking- ­Modus», heisst es in Ihrem Buch…

Aufmerksamkeitsstörungen nehmen in unserer Gesellschaft zu. Wir sind praktisch nicht mehr fähig zuzuhören, ohne gleichzeitig einem anderen Gedanken nachzuhängen oder E-Mails abzurufen. Wir werden zudem immer oberflächlicher. So glauben wir Dinge im Detail zu verstehen, obwohl wir nur noch flüchtig lesen. Wir überfliegen Tageszeitungen, Bücher und Online-News und lesen im Grunde gar nichts wirklich. Dadurch entstehen Oberflächlichkeit und Unkonzentriertheit. Unser Leben läuft im Zeitraffer ab. Wir optimieren unsere Zeit, vor allem unsere Arbeitszeit, mittels Techniken und Ausbildungsprogrammen. Wir sind ständig abgelenkt, beim Mittagessen genauso wie bei einer geschäftlichen Zugfahrt. Wir lassen unsere Gedanken nicht mehr ziellos schweifen, weil wir ein Smartphone oder ein Tablet haben. So verhindern wir ständig Langeweile – und damit die Möglichkeit zum Tagträumen. Das ist aus neurobiologischer Sicht ein alarmierender Befund.

Warum?

Weil wir damit verhindern, dass unser Gehirn zur Ruhe kommt. Wir brauchen aber diese Momente des Tagträumens und solche, bei denen unser Hirn nicht permanent Informationen aufnimmt.

Können wir überhaupt noch abschalten?

Die meisten von uns können in nur kurzen Auszeiten nicht mehr abschalten, wie wir in der neurobiologischen Forschung festgestellt haben.

Lassen wir die negativen Auswirkungen von Multitasking mal beiseite. Gibt es auch Vorteile?

Ja. Wir müssen hier aber zwischen bewusstem und unterbewusstem Multitasking unterscheiden. Unterbewusstes Multitasking beherrschen wir durchaus. Das hat auch Vorteile. So können wir beispielsweise bügeln und gleichzeitig einem Hörbuch lauschen. Bewusstes Multitasking hingegen wäre, wenn ich ein Interview zu einem Thema gäbe und gleichzeitig ein E-Mail zu einem völlig anderen verfassen würde. Das funktioniert nicht. Unser Sprachnetzwerk im Hirn kann man nicht für zwei komplett verschiedene Dinge verwenden. Trotz dieses Wissens üben wir uns nach wie vor im Multitasking. Das kostet nicht nur viel Energie, es führt auch dazu, dass wir in diesem Modus 60 Prozent mehr Zeit für den gleichen Arbeitsschritt brauchen und fast 40 Prozent mehr Fehler machen.

Sprechen wir von Multitasking, sprechen wir unweigerlich über Stress. Das ist vor allem für junge Menschen ein zunehmendes ­Problem. Wie lässt sich das angehen?

Grundsätzlich ist es zu spät, wenn wir versuchen, bei Jugendlichen Stress zu verhindern. Man müsste viel früher ansetzen – und zwar bei den Eltern. Warum? Viele optimieren ihre Kinder von klein auf aus Angst und Panik, dass sie sonst schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben. Das ist ein permanenter Wettkampf um bessere Chancen. Viel besser wäre es, die Kinder individuell zu fördern. Dann hätten wir später kein Problem mit Stress.

Zur Person:

Bernd Hufnagl ist Neurobiologe und ­Unternehmensberater. Er war mehrere Jahre im Bereich Hirnforschung am AKH Wien tätig. Hufnagel hat sich auf ­Gesundheitsmanagement spezialisiert und unterstützt Führungskräfte und ­Mitarbeitende in Seminaren, Workshops und Keynote-Vorträgen. berndhufnagl.com

Was ist Salutogenese?

Salutogenese beschäftigt sich im Gegensatz zur Pathogenese (Wissenschaft zur Entstehung von Krankheiten) mit der Frage nach der Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesundheit. Gemäss diesem Modell ist das kein Zustand, sondern ein lebenslanger Prozess, der ständigen Schwankungen unterliegt und aktiv aufrechterhalten werden muss.

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Christine Bachmann

Christine Bachmann ist stv. Chefredaktorin bei HR Today.

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