HR Today Nr. 4/2022: Fokus Forschung

Überqualifikation am Arbeitsplatz

Gemäss der International Labor Organization fühlt sich fast ein Fünftel der Beschäftigten überqualifiziert. Die Betroffenen verfügen somit über mehr Bildung und Fähigkeiten, als für ihren Job erforderlich sind. Je nach persönlichen kulturellen Werten erleben Beschäftigte eine Überqualifikation jedoch unterschiedlich. So spielt in individualistischen Kulturen die Selbstverwirklichung eine grössere Rolle als in kollektivistischen, in der Gruppen­harmonie und gegenseitige Verpflichtung wichtiger sind.

Ob Mitarbeitende auf eine wahrgenommene Überqualifizierung entsprechend ihren persönlichen Werten mit unterschiedlichen Arbeitseinstellungen und Verhaltensweisen reagieren, hat ein Forschungsteam rund um Maike Debus von der Universität Neuchâtel in zwei Studien untersucht.

In einer ersten Studie wurden die Antworten von 190 Universitätsmitarbeitenden und deren Arbeitskollegen analysiert. Die Ergebnisse zeigten, dass die negativen Auswirkungen einer wahrgenommenen Überqualifikation durch eine kollektivistische, gemeinschaftlich geprägte Orientierung abgeschwächt werden. So sind kollektivistisch orientierte Mitarbeitende trotz Überqualifikation engagierter bei der Arbeit, zeigen mehr Eigeninitiative und sind zufriedener als individualistische. Das, weil ihre Aufmerksamkeit durch die gemeinschaftlich geprägte Orientierung von der unterfordernden Beschäftigung auf andere Aspekte des Umfelds gelenkt wird. In einer zweiten Studie mit 224 Vollzeitbeschäftigten konnten diese Ergebnisse repliziert werden.

Das Management sollte sich im Klaren sein, dass durch Überqualifizierung suboptimale Arbeitsbedingungen entstehen. Die davon betroffenen Beschäftigten fühlen sich benachteiligt, da sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen können. Diese negativen Auswirkungen werden bei Mitarbeitenden mit tendenziell hohen Kollektivismuswerten jedoch abgeschwächt. Diese Werte scheinen laut weiterer Forschung dynamisch und formbar zu sein. Arbeitgebende könnten daher Massnahmen ergreifen, um Arbeitnehmenden kollektivistische Werte zu vermitteln. Das kann durch teambasierte Belohnungen und Aktivitäten initiiert werden. Weiter könnte das Management aufzeigen, wie überqualifizierte Mitarbeitende ihre Qualifikation zum Helfen einsetzen, indem sie beispielsweise weniger erfahrene Kolleginnen und Kollegen betreuen.

Quelle:

  • Luksyte, A., Bauer, T. N., Debus, M. E., Erdogan, B., & Wu, C. H. (2022). Perceived overqualification and collectivism orientation: implications for work and nonwork outcomes. Journal of Management, 48(2), 319-349.

Neues aus der Forschung

Die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) organisiert vom 7. bis 9. Juli 2022 das 38. EGOS (European Group for Organizational Studies) Kolloquium zum Thema «Organisation – Die Schönheit der Unvollkommenheit». Nur selten entsprechen Theorien, Methoden, Kontexte oder erforschte Organisationen den idealisierten Vorstellungen von «Perfektion», die in Ordnung, Effizienz, Symmetrie und Vorhersehbarkeit verwurzelt sind. Unvollkommenheit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Unzulänglichkeit, Schwäche oder Scheitern. Sie kann vielmehr eine Chance für ungenutztes Potenzial und das Aussergewöhnliche darstellen. Das Kolloquium nutzt diesen Ausgangspunkt, idealisierte Bilder von «Perfektion» zu hinterfragen und den Dialog über Unvollkommenheit in Organisationen zu fördern. bit.ly/EGOS_Colloquium

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzenten stark verändert. Treiber wie der demografische Wandel, die Digitalisierung und die Globalisierung beeinflussen die Beschäftigungsformen und die Bedürfnisse von Arbeitnehmenden. Die kürzlich publizierte Dissertation «Retention in a Changing World of Work» von Laura Schärrer untersuchte, wie psychologische Verträge dazu beitragen, junge Talente, Gig Worker und Beschäftigte mit Migrationshintergrund ans Unternehmen zu binden. bit.ly/Retention_Changing_World_of_Work

 

Kommentieren0 KommentareHR Cosmos
Naemi Jacob

Naemi Jacob ist Wissenschaftliche ­Assistentin und Doktorandin am ­Center for Human Resource ­Management der Universität Luzern.

Weitere Artikel von Naemi Jacob

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren