HR Today Nr. 9/2020: Fokus Forschung

Frühere Leistung ist ein Prädiktor für Potenzial

Unternehmen, die das Potenzial ihrer Mitarbeitenden erkennen, können sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Aber wie ­erkennt man ihr Potenzial und wie hängt es mit der früheren und künftigen Performance zusammen? Das Forschungsteam ­Robledo-Ardila und Román-Calderón von der Universidad EAFIT in Kolumbien hat sich diesen Fragen angenommen.­

Viele Unternehmen nutzen zur Potenzialbeurteilung der Mitarbeitenden eine Leis­tungsbeurteilung, obwohl es sich beim Potenzial und bei der Leistung um zwei gegensätzliche Konstrukte handelt. Während das Potenzial die Fähigkeit beschreibt, in der Zukunft eine überdurchschnittliche Leistung erbringen zu können, beschreibt Leistung, was in der Vergangenheit bereits erbracht wurde. Zusätzlich stellt sich die Frage, wie die beiden Konstrukte zusammenhängen.

Das Forschungsteam Robledo-Ardila und Román-Calderón erfasste zu diesem Zweck das Potenzial von 281 Studierenden verschiedener Studienrichtungen mit einem Online-Fragebogen. Gemäss diesem besitzt «hohes Potenzial», wer motiviert Bestleis­tungen erbringt, eine rasche Auffassungsgabe und unternehmerischen Geist besitzt sowie feinfühlig ist. Um die vergangene Leis­tung zu erfassen, hat das Forschungsteam die Noten der vergangenen Semester der Studierenden herangezogen. Zur Einschätzung der künftigen Leistung der Studierenden nutzten sie ausserdem die Noten, die in den Semestern nach der Potenzialerfassung erzielt wurden. Zusätzlich erhielten die Studierenden nach dieser Erfassung die Aufgabe, in virtuellen und multikulturellen Teams eine reelle Fragestellung eines international tätigen Unternehmens zu bearbeiten. Die erbrachte Leistung wurde im Anschluss an die Aufgabe beurteilt.

Die Ergebnisse der Studie zeigten:

  • Frühere Leistung ist ein Prädiktor für ­Potenzial. Die gleichwertige Verwendung von Potenzial und Leistung ist jedoch problematisch, da es sich um zwei unterschiedliche Konstrukte handelt.
  • Frühere Leistungen sind zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium für das aktuelle Potenzial.
  • Es ist sinnvoll, Potenzial mit folgenden Worten zu beschreiben: motiviert Best­leistungen zu erbringen, eine rasche Auffassungsgabe und unternehmerischen Geist zu besitzen sowie feinfühlig zu sein.
  • Motiviert Bestleistungen zu erbringen und eine rasche Auffassungsgabe zu besitzen, sind Prädiktoren für künftige Leistungen. Feinfühlig zu sein und einen unternehmerischen Geist zu besitzen, jedoch nicht.

Daraus resultierend sollten Unternehmen:

  • Leistung und Potenzial unabhängig voneinander definieren.
  • Geeignete Instrumente zur Erfassung von Potenzial bereitstellen.
  • Vor allem bei der Identifikation von Talenten, die künftig Toppositionen im Unternehmen besetzen sollen, auch motivierende Aspekte und Lernkompetenzen miteinbeziehen.

Quelle: Cristina Robledo-Ardila & Juan Pablo ­Román-Calderón (2020), Individual potential and its relationship with past and future performance, Journal of Education for Business, 95:1, 45–52, DOI: 10.1080/08832323.2019.1596872

Kommentieren0 Kommentare

Sandra Furrer, wissenschaftliche Assistentin am Zentrum für Human Ressource Management, Universität Luzern

Weitere Artikel von Sandra Furrer

Kommentieren

Das könnte Sie auch interessieren